Kostendruck durch teure Rohstoffe hält an
Arcelor sieht Stahlproduktion in Deutschland bedroht

Der weltweit größte Stahlhersteller Arcelor mit Sitz in Luxemburg sieht wegen der weltweiten Koksknappheit seine Produktionskapazitäten in Deutschland bedroht. Sollten die Gespräche mit dem Essener RAG-Konzern über neue Kokslieferkontrakte "nicht zu einem vernünftigen Ergebnis führen, könnten wir gezwungen sein, früher als bislang geplant die Roheisenerzeugung bei den Stahlwerken Bremen zurückzufahren", sagte Arcelor-Chef Guy Dollè dem Handesblatt.

DÜSSELDORF. Die Arcelor-Tochter Stahlwerke Bremen bezieht pro Jahr rund 750 000 Tonnen Koks von der RAG, der aktuelle Liefervertrag läuft aber Ende 2005 aus. Wie es aus Verhandlungskreisen heißt, drängt Arcelor die RAG zu deutlichen Zugeständnissen

Die Weltmarktpreise für sofort lieferbaren Koks haben sich seit Mai 2003 auf 450 Dollar pro Tonne verdreifacht. Koks von der RAG-Tochter Deutsche Steinkohle (DSK) kostet auf Basis der bestehenden Verträge rund 110 Euro, heißt es in Branchenkreisen. Arcelor hatte im Januar 2003 angekündigt, die Roheisenerzeugung innerhalb des Konzerns bis zum Jahr 2010 auf die kostengünstigsten Standorte direkt am Meer zu konzentrieren. In der Stahlbranche ging man bislang davon aus, dass einer der beiden Hochöfen in Bremen bis Ende 2006 stillgelegt würde. Das könnte nun eher der Fall sein.

Angesichts der massiv gestiegenen Rohstoffpreise geht der Arcelor-Chef davon aus, dass Stahl auch im kommenden Jahr teuer bleiben wird. „Natürlich wäre es vermessen, nach dem rasanten Anstieg der Stahlpreise zu glauben, es könne in diesem Tempo weitergehen“, sagte Dollé. „Aber zumindest bei den neuen Jahreskontrakten für 2005 werden wir deutlich höhere Preise sehen, um den durch Vormaterialien wie Eisenerz, Schrott, Kohle und Koks verursachten Kostenschub aufzufangen.“

Die neuerlichen Preiserhöhungen betreffen neben den Haushaltsgeräteherstellern vor allem den größten Kunden der Stahlhersteller, die Automobilindustrie. Nicht nur Arcelor, auch die beiden deutschen Stahlhersteller Thyssen-Krupp und Salzgitter wollen bei den im Herbst beginnenden Verhandlungen mit Autokonzernen wie Volkswagen, Daimler-Chrysler, Renault und der französischen PSA-Gruppe (Peugeot/Citroën) höhere Preise durchsetzen. Durch die Ende 2003 ausgehandelten Jahreskontrakte waren die Automobilbauer vor den insgesamt drei Preiserhöhungen seit Januar geschützt.

Obwohl die Stahlpreise inzwischen neue Rekordhöhen erreicht haben, glaubt Dollé nicht, dass sie 2005 spürbar sinken werden. Zum einen bleibe die Stahlnachfrage aus China hoch, zum anderen halte der Kostendruck von der Rohstoffseite an.

Ausdrücklich begrüßte Dollé die Maßnahmen der Regierung in Peking, mit staatlich verordneten höheren Kreditzinsen der Gefahr einer Überhitzung der chinesischen Wirtschaft vorzubeugen. Zumindest bis zu den Olympischen Spielen im Jahr 2008 werde für den Ausbau der Infrastruktur viel Stahl benötigt. Und selbst bei einem schwächeren Wachstum werde China noch Stahl importieren müssen, was den europäischen Markt vor Billigeinfuhren schütze.

Als größtes Risiko für die europäischen Stahlhersteller bezeichnete Dollé die ausbleibende Konjunkturerholung in Europa. Gleichwohl werde das Jahr 2004, was die Gewinne der Stahlhersteller angeht, das beste seit 1995 sein. Hinter den Aussichten für das kommende Jahr stehen nach Ansicht von Marktbeobachtern allerdings große Fragezeichen. Die Stahlpreise dürften spätestens Anfang 2005 ihre Spitze erreicht haben, heißt es. Viele Kunden hätten in den vergangenen Monaten deutlich über Bedarf Stahl geordert, die Lagerbestände wüchsen. Auch der Branchenverband Wirtschaftsvereinigung Stahl räumt ein, dass der Auftragseingang zuletzt deutlich über dem sichtbaren Verbrauch gelegen hat.

Markus Hennes
Markus Hennes
Handelsblatt / Teamleiter Sport
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