Kraftwerksbau: Energiebranche sagt Ausbau der Kapazitäten zu

Kraftwerksbau
Energiebranche sagt Ausbau der Kapazitäten zu

Die Energiewirtschaft kündigt umfassende Investitionen im Kraftwerksbereich an. Der Präsident des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), Michael Feist, sagte dem Handelsblatt, es gebe eine Reihe von Projekten. Er wies Vorwürfe zurück, die Branche verzögere Investitionen. Trotz wachsender Liquidität bei der Stromerzeugung rechnet Feist allerdings mit einem anhaltend hohen Strompreisniveau.

Handelsblatt: Herr Feist, 2007 war ein anstrengendes Jahr für die Energiewirtschaft. Selten wurde so oft und kontrovers über diese Branche geredet. Neben dem Top-Thema Klimaschutz dominierten die gestiegenen Energiepreise und der mangelnde Wettbewerb die Diskussionen. Was wird die Energiebranche denn im neuen Jahr zur weiteren Senkung der CO2-Emissionen und damit für den Klimaschutz tun?

Feist: Die deutsche Energiewirtschaft hat sich für den Klimaschutz stark gemacht. Die Strombranche steht zu Ihrer Zusage, zwischen 1998 und 2010 Maßnahmen zur CO2-Emissionssenkung von insgesamt 45 Millionen Tonnen umzusetzen. Die bereits zwischen 1998 und 2005 getroffenen Maßnahmen der Stromunternehmen haben eine CO2-Minderung von bis zu 24 Millionen Tonnen bewirkt. Die deutsche Gaswirtschaft hat sich im Rahmen ihrer Klimaschutzerklärung bereit erklärt, die CO2-Emissionen im Haushalts- und Kleingewerbesektor bis 2012 um jährlich 45 Millionen Tonnen im Vergleich zu 1990 zu reduzieren. Ende 2005 sind davon bereits 40 Millionen Tonnen erreicht worden. Dies zeigt, wir sind insgesamt auf einem guten Weg unseren zugesagten Beitrag zum Klimaschutz zu leisten.

Zum Jahreswechsel haben mehr als 400 Strom- und rund 300 Gasunternehmen angekündigt, die Preise erneut zu erhöhen. Viele Verbraucher verstehen diese Entwicklung nicht. Was sagen Sie denen?

Wir verstehen die Sorgen unserer Kunden. Die Energiebranche hat in der Vergangenheit die Gründe für diese Preissteigerungen nicht immer ausreichend transparent genug dargestellt. Das müssen wir jetzt verbessern. Jedoch gibt es dafür nachvollziehbare Fakten. Und welche sind das?

Hintergrund der aktuellen Preissteigerungen sind die Entwicklungen auf dem Weltmarkt. Die Nachfrage nach Energie steigt und damit die Preise. Schauen Sie sich die Entwicklung des Rohölpreises mit Preissteigerungen von circa 40 Prozent im zweiten Halbjahr 2007 an. Auch der Preis für andere Primärenergien wie Erdgas oder Steinkohle ist nach oben geklettert. Kohle ist erstmals auf das Niveau von 100 Dollar pro Tonne gestiegen, das Doppelte des historischen Preisniveaus. Entsprechend reagierten auch die Preise am Großhandelsmarkt. Dadurch sind beim Strom für viele Unternehmen die Beschaffungskosten weiter gestiegen. Außerdem hat sich in Deutschland stetig der Anteil der staatlichen Steuern und Abgaben am Strompreis erhöht. Dieser lag im Jahr 2007 bei 41 Prozent der Stromrechnung. Beim Erdgas ist es so, dass 85 Prozent des hierzulande verbrauchten Erdgases aus dem Ausland importiert werden. Hier wirken sich also die gestiegenen Weltmarktpreise direkt auf die Preise lokaler Versorger und damit auch auf die Erdgaspreise der Haushaltskunden aus.

Angesichts der Milliardengewinne einiger Energiekonzerne sind diese Preissteigerungen für den Verbraucher jedoch nicht nachvollziehbar. Selbst das Wirtschaftsministerium bezweifelt, ob die Strompreiserhöhungen zum Jahresanfang gerechtfertigt waren, da diese teilweise offenbar höher liegen als der Anstieg der Beschaffungskosten. Wie erklären Sie das?

Die Preisgestaltung hängt von den individuellen, strukturellen Gegebenheiten in den Unternehmen ab. Jedes Unternehmen hat seine eigene Kundenstruktur, Beschaffungsstrategie und einen individuellen Markt. Daraus ergeben sich auch individuelle Strukturen der Beschaffungskosten. Des Weiteren sind zusätzlich die in den Strompreisen enthaltenen Kosten für erneuerbare Energien nach dem EEG stark gestiegen. Den von Ihnen genannten Milliardengewinnen stehen aber auch Milliardeninvestitionen in Kraftwerke und Netze gegenüber. Außerdem wird ein nicht unerheblicher Teil dieser Gewinne der großen Energieunternehmen auch nicht in Deutschland, sondern vor allem im Auslandsgeschäft erwirtschaftet. Darüber hinaus braucht jedes privat geführte Unternehmen ausreichende Gewinne, um sich auf dem Kapitalmarkt behaupten zu können. Das ist in der Energiebranche nicht anders als in der Stahl- oder Chemieindustrie, deren Umsatzrenditen in der Regel deutlich höher sind. Zudem sichern Gewinne nicht zuletzt die Arbeitsplätze in den jeweiligen Unternehmen.

Die EU-Kommission und die Bundesregierung haben in der Energiepreisdiskus-sion den mangelnden Wettbewerb auf den Energiemärkten kritisiert. Von einigen Politikern sind bis hin zu einer möglichen Zerschlagung von Unternehmensstrukturen unterschiedliche Eingriffe zur weiteren Stärkung des Wettbewerbs vorgeschlagen worden. Was halten Sie davon?

Eine eigentumsrechtliche Trennung von Erzeugung und Netzen wäre ein falscher Schritt. Erfahrungen in Ländern, die diesen Schritt bereits vollzogen haben, zeigen, dass dort weder die Investitionen gestiegen, noch die Preise für die Kunden gesunken sind. Die deutschen Energieunternehmen würden damit im internatio-nalen Wettbewerb gerade auch gegen staatliche Energiekonzerne anderer EU-Länder geschwächt werden.

Was schlägt die Branche also vor?

Einerseits hat sich die Energiebranche bei der Diskussion um die Verbesserung der Transparenz bei der Strompreisbildung aktiv eingebracht. Neben den gesetzlichen Anforderungen gibt es hier erfolgreiche Initiativen, beispielsweise die Publikation von Kraftwerksdaten an der Strombörse EEX. Im Übrigen kann sich jeder Stromkunde über das Internet schnell und umfassend über Alternativen zu seinem derzeitigen Stromanbieter informieren. Jeder Verbraucher kann per Tarifrechner sofort die verfügbaren Produkte der verschiedenen Anbieter sehen und ein neues auswählen. Eine ähnliche Transparenz gibt es nur auf dem Telekommunikationsmarkt. Immer mehr Kunden haben dies erkannt und den Wettbewerb im vergangenen Jahr deutlich belebt. Andererseits halten wir es für erforderlich, dass Brüssel und Berlin die nun erst einmal gerade beschlossenen Gesetze und Verordnungen wirken lassen, bevor gleich wieder neue Instrumente eingeführt werden. Mit der Netzentgeltgenehmigung, der Kraftwerksnetzanschlussverordnung, der Novelle des Kartellrechts, der Versteigerung der CO2-Emissionszertifikate und der geplanten Anreizregulierung sind weitreichende Regelungen erfolgt. Diese müssen ihre Wirkung entfalten können. Weitere Eingriffe in den Wettbewerbsmarkt würden neue Marktteilnehmer zu verschrecken. Und das sorgt bestimmt nicht für mehr Wettbewerb. Hinzu kommt: Die deutsche Erdgaswirtschaft stellt sich den Herausforderungen des Wettbewerbs. Die Gaswirtschaft hat mit dem neuen Netzzugangsmodell Gas den Wechsel des Gasanbieters für Haushaltskunden erheblich vereinfacht. Zunehmend kommen neue Anbieter auf den Markt. Und es gibt neue Angebote etablierter Versorger, die außerhalb ihrer eigenen Versorgungsgebiete aktiv geworden sind. Heute ist die freie Wahl des Erdgasanbieters für alle Erdgaskunden bundesweit möglich.

Es müsste sich also vor allem auf dem Erzeugungsmarkt einiges tun. Es sind mehrfach Milliardeninvestitionen angekündigt worden. Was ist daraus bis jetzt geworden?

In Deutschland wurden zwischen den Jahren 2001 und 2007 insgesamt 47 größere Kraftwerksanlagen mit einer Leistung von insgesamt rund 8.400 Megawatt neu gebaut. Außerdem erlebt die Energiebranche einen regelrechten Bauboom. Derzeit befinden sich 20 größere Anlagen mit einer Leistung von rund 9.000 Megawatt im Bau. Das ist so viel wie lange nicht mehr. Allerdings formiert sich vermehrt Widerstand gegen neue Kraftwerke. Hier muss die deutsche Versorgungssicherheit gewahrt bleiben. Wir brauchen eine verantwortungsbewusste Energiepolitik und keine Panikmache.

Vermutlich sind die Bauherren aber die etablierten, großen Energiekonzerne, oder?

Nein. Im vergangenen Jahr sind sechs der sieben neuen, größeren Kraft-werke mit einer Gesamtleistung von 2.384 Megawatt von kleineren Anbietern oder Newcomern gebaut worden. Hinzu kommen bei den 20 aktuell in Bau befindlichen Kraftwerksprojekten weitere sechs Anlagen, die von neuen bzw. kleineren Mitbe-werbern umgesetzt werden. Auch hier gewinnt der Wettbewerb immer mehr an Fahrt.

Was schätzen Sie, wie sich der Strompreis weiter entwickeln wird?

Im Jahr 2007 sind die Strompreise im Grundversorgungstarif nach unseren Erkenntnissen durchschnittlich um rund sieben Prozent gestiegen. Wie sich die Preise weiter entwickeln, hängt von vielen Faktoren ab. Ich rechne aber auch angesichts der klimapolitischen Zusatzkosten, die die Bundesregierung gerade vorgeschlagen hat, mit keiner Entspannung. Fest steht, dass die Stromunternehmen auf die Kundenwünsche reagiert haben. Es gibt zahlreiche neue Stromtarife, die - abhängig vom Verbrauch oder der Erzeugungsart - häufig günstiger sind als der Tarif der Grundversorgung. Hier sollte sich jeder Verbraucher informieren und beraten lassen.

Was ist mit dem Gaspreis? Wird er angesichts des gerade stark gestiegenen Ölpreises auch weiter steigen?

Es ist ganz klar: Hintergrund der aktuellen Preissteigerungen sind die Entwicklungen auf dem Weltmarkt: Die Nachfrage nach Energie steigt weltweit, insbesondere in rasch wachsenden Volkswirtschaften wie Indien und China. Und wenn die Nachfrage kontinuierlich steigt, dann ist es langfristig eher unwahrscheinlich, dass der Preis sinkt. Beim Rohöl hat es seit Mitte August 2007 eine Kostensteigerung von knapp 69 auf zeitweise mehr als 100 Dollar je Barrel gegeben. Dies bedeutet eine Steigerung beim Öl um über 40 Prozent. Die Zeit der billigen Energie ist definitiv vorbei.

Zurück zum Strommarkt: Was hat sich dort auf Kundenseite im vergangenen Jahr getan?

Wir haben bei unseren Umfragen festgestellt, dass die Kunden sensibilisiert sind und der Markt richtig in Bewegung ist. 2007 haben rund eine Million Kunden ihren Anbieter gewechselt. Insgesamt haben elf Prozent der Kunden Verträge mit einem neuen Anbieter abgeschlossen. Wir wissen aber auch, dass sich der größte Teil der Haushaltskunden ihrem Stromunternehmen vor Ort verbunden fühlt. Auch diese Gruppe nutzt aber den Wettbewerb, indem sie einen günstigeren Tarif bei ihrem bisherigen Lieferanten gewählt hat. Als Hauptgrund geben die meisten Wechsler mit großem Abstand den Preis an. Zunehmend spielen aber auch ökologische Gründe bei der Produktwahl eine Rolle. Nach unseren Schätzungen liegt der Anteil der Ökostromprodukte inzwischen bei gut drei Prozent. Tendenz weiter steigend.

Wie viele Verbraucher werden noch den Anbieter wechseln?

Inzwischen hat jeder zweite Haushaltskunde entweder einen neuen Tarif oder einen neuen Stromanbieter gewählt. Die Verbraucher haben registriert, dass der Wettbewerb funktioniert und ihnen nutzt. Aufgrund der Erfahrungen auf dem Telekommunikationsmarkt schätze ich, dass dieser Trend einer steigenden Wechselbereitschaft weiter anhalten wird.

Was glauben Sie, wie sich die erneuerbaren Energien im deutschen Energiemix in absehbarer Zeit weiter entwickeln werden?

Die erneuerbaren Energien spielen richtigerweise eine immer wichtigere Rolle bei der Stromerzeugung. Ihr Anteil ist von zwölf Prozent im Jahr 2006 auf gut 14 Prozent im Jahr 2007 angestiegen und wird weiter steigen. Ich schätze, dass wir am Jahresende durchaus bei 16 Prozent liegen können. Im Wärmemarkt sehen wir ein großes Potenzial für den regenerativen Energieträger Bioerdgas, einer idealen Ergänzung des umweltschonenden Erdgases. Unser klares Ziel ist es deshalb, den Anteil von Bioerdgas im Wärmemarkt konsequent auszubauen. Hierfür müssen im Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz allerdings auch die Voraussetzungen geschaffen werden.

Welche Innovationen sind aus der Energiewirtschaft im neuen Jahr zu erwarten?

Neben weiteren Effizienzverbesserungen geht es beispielsweise um die technische Weiterentwicklung der CO2-armen Kohlekraftwerke. Einen großen Spielraum für Effizienzverbesserungen und Klimaschutz bietet der Kraftfahrzeugsektor – sowohl beim Erdgas als auch bei der Elektromobilität. Im Vergleich zu üblichen Benzinmotoren verursachen erdgasbetriebene Fahrzeuge rund 25 Prozent weniger CO2-Emissionen. Die Emission von Feinstaub und gesundheitsschädlichem Stickoxid wird fast vollständig vermieden. Im Bereich Elektromobilität”. sollen Autos künftig über Hochleistungs-Akkus mit Strom fahren. Elektromotoren sind viel effizienter und sauberer als Benzin- oder Dieselmotoren. Sie sind leiser und sparsamer im Energieverbrauch, emittieren kein Kohlendioxid und andere Schadstoffe. Wegen dieser Effizienzgesichtspunkte hat die Bundesregierung das Projekt in ihr Energie- und Klimaprogramm aufgenommen. Der BDEW hat dazu eine Plattform mit Automobil- und Batterieherstellern sowie der chemischen Industrie gebildet.

Was für eine wirtschaftliche Entwicklung erwartet die Energiebranche im Jahr 2008?

Nach den einschneidenden Umstrukturierungen in den vergangenen Jah-ren wird sich die Beschäftigungssituation konsolidieren. Der teilweise starke Stellenabbau in der Energiewirtschaft ist gebremst. Gerade bei den Fachkräften, wie zum Beispiel den Ingenieuren, registrieren wir zunehmend einen Mangel. Beim Absatz erwartet die Branche ein leichtes Plus.

Das Gespräch führte Klaus Stratmann.

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