Industrie

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Krebsfälle: Ein chinesisches Dorf klagt gegen Evonik

In einer Chemiefabrik von Evonik im Nordosten Chinas kam es 2009 zu einer Explosion. Die Dorfbewohner machen den Essener Konzern für Krebsfälle verantwortlich - doch die Schuldfrage ist bis heute ungeklärt.

von Finn Mayer-Kuckuk
Leberkrebspatient Zhang Furen am Tor seines Hauses im Dorf Shaoguotun. Quelle: Finn Mayer-Kuckuk
Leberkrebspatient Zhang Furen am Tor seines Hauses im Dorf Shaoguotun. Quelle: Finn Mayer-Kuckuk

DalianWenn Zhang Furen, 49, seinen Leidensweg verdeutlichen will, zieht er das Hemd hoch und zeigt seine Operationsnarbe, die von der Hüfte bis zu den Rippen verläuft. "Der Leberkrebs hat die Zukunft meiner Familie zerstört", sagt der ehemalige Mitarbeiter einer Chemiefabrik. Er deutet zum Fenster hinaus. Dort erheben sich zwischen Reisfeldern zwei weiß-rot geringelte Schornsteine: das Werk Dengshahe, eine Fabrik, die eigentlich Produkte für die Agrarindustrie herstellen soll.

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Als sie 1998 eröffnete, waren die zwei Türme ein Zeichen der Hoffnung für die Anwohner. Es war für sie der Anschluss an die Globalisierung, die ihr Land erfasst hatte, vor allem als 2006 mit Evonik ein deutscher Konzern das Kommando übernahm. Es muss also viel passiert sein, bis aus dem Symbol des Fortschritts ein Symbol des Todes wurde. Denn das sind die zwei Türme heute für Zhang und seine Nachbarn. "Dieses Ding hat uns krank gemacht", sagt Zhang. 20 der 2000 Einwohner erkrankten jedes Jahr an Magen-, Lungen- und Leberkrebs sowie Blutarmut, klagt er.

20 von 2000. Mit dieser Zahl beginnen zwei Geschichten, die, obwohl sie von der gleichen Sache handeln, nicht zusammenzubringen sind. Es ist die Geschichte des Großkonzerns aus dem Ausland, der in die Provinz kommt, um auf Kosten der Landbevölkerung seinen Profit zu mehren. Und es ist die Geschichte des guten Investors, der hofft, auf den Ruinen des Staatssozialismus ein Unternehmen zu schaffen, das auch in den entlegensten Winkel die Segnungen der Globalisierung bringt.

Die eine Geschichte erzählen Zhang und seine Nachbarn, die andere Geschichte erzählen die Vertreter von Evonik in Essen. Auch wer sich beide Geschichten anhört, der wird nicht in der Lage sein, zu urteilen, welche Geschichte Realität und welche Wunsch der Realität ist. Aber wer beide Geschichten hört, der bemerkt Puzzlestücke aus denen sich ein Bild ergibt, in dem beide Geschichten aufgehen können.

Die Suche nach diesen Puzzleteilen beginnt im Jahr 1998, gleich hinter den Reisfeldern, auf die Zhang beim Blick aus seiner Hütte schaut.

Dort errichtet der chinesische Staat die beiden Schlote, um Zwischenprodukte für die pharmazeutische, agrochemische und elektronische Industrie herzustellen. Acht Jahre lang führt Peking das Unternehmen. Die Schlote dampfen, die Menschen finden Arbeit. Dann aber ändern sich die Verhältnisse. Mittlerweile ist das Jahr 2006 angebrochen und in Peking ist es nicht mehr schick, große Unternehmen selbst zu betreiben. Man setzt jetzt auf Privatkonzerne. Die zwei Schlote aus der Provinz im Nordosten sollen nicht mehr im Staatsauftrag dampfen, Peking sucht einen privaten Betreiber. Und findet Evonik, dessen damalige Tochter Degussa einsteigt.

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