Krise beim Rüstungskonzern
Befreiungsschlag bei EADS

Mit einem Befreiungsschlag versucht EADS alle Zweifel der Kunden am größten Flugzeugbau- und Rüstungskonzern Europas vom Tisch zu fegen. Die umstrittenen Manager werden ausgemustert und das Gleichgewicht zwischen Deutschen und Franzosen neu justiert.

HB PARIS. Zudem nimmt EADS die Tochter Airbus enger an die Kandare, sobald der Airbus-Aktionär BAE Systems ausgezahlt ist. Die kleine Revolution soll den ins Trudeln geratenen Flugzeugbauer Airbus wieder in stabilen Steigflug führen. Die Lösung trage die Handschrift von Daimler-Chrysler, heißt es im Konzern. Der neue starke Mann heiße Thomas Enders.

Als genialen Schachzug werten Pariser Marktexperten, den neuen Airbus-Chef von außerhalb zu holen. Mit Christian Streiff kommt ein Mann, der nicht in den deutsch-französischen Machtkampf verwickelt war, der vom jetzt aus dem Konzern gedrängten EADS-Co-Chef Noël Forgeard kürzlich als „Krieg“ bezeichneten worden war. Wichtig für die Franzosen: Nach kurzem deutschem Intermezzo steht wieder ein Franzose an der Spitze des „Nationalheiligtums“ Airbus.

Doch Streiff gefällt auch Daimler-Chrysler: Der Lothringer ist endlich mal kein „Polit-Manager“, der - wie Forgeard oder dessen Nachfolger Louis Gallois - seine Karriere der Regierung verdankt. Streiff hat längere Zeit als Firmenlenker in Deutschland gearbeitet und ist auch in Italien oder den USA zu Hause. Er gilt als Experte für die Organisation der Produktion - genau das, was Airbus braucht. Und die Stuttgarter haben ihn als Top-Manager ihres Zulieferers Saint-Gobain und als Aufsichtsrat des Reifenbauers Continental sowie des EADS-Partners Thyssen-Krupp schätzen gelernt. Wirtschaftlich „denkt Streiff international und eher deutsch als französisch“, heißt es.

Als Franzose wird Streiff in der EADS-Spitze Thomas Enders unterstellt. Der Daimler-Mann soll demnächst viel stärker bei Airbus durchgreifen können, als das früher für EADS möglich war. Denn Airbus soll eng in die operative Konzernstruktur eingebunden werden. Wie das gehen kann, hat Daimler-Chrysler bei Mercedes-Benz vorgemacht.

Dafür gibt „Major Tom“ die Verantwortung für den kleineren Rüstungsbereich an Forgeards Nachfolger Louis Gallois ab. Doch nicht ganz: Das gesamte US-Geschäft bleibt dem Deutschen unterstellt - samt den Tankflugzeugen für die US Air Force und den Militärhubschraubern. Auf dem weltgrößten Rüstungsmarkt USA werden aber entscheidende Weichen für die Zukunft des EADS-Militärgeschäfts gestellt. Außerdem bleibt der „Atlantiker“ Enders für den Militärtransporter A400M und die spanischen CASA-Militärtransporter zuständig.

Um Rüstung, Raumfahrt und Hubschrauber kümmert sich künftig der französische „Staatsdiener“ Louis Gallois, der jahrzehntelang in Ministerien Karriere machte und zuletzt die Staatsbahn SNCF leitete. Mit Gallois werde „das deutsch-französische Gleichgewicht erhalten“, jubeln die französischen Gewerkschaften. Gallois nimmt der Pariser Regierung die Furcht, die Deutschen könnten die Kontrolle über die von EADS gelieferte Technik der strategischen Atomraketen bekommen.

Doch auch Daimler-Chrysler kommt mit Gallois klar, der sich als Konzernsanierer einen Namen gemacht hat. Der 62-jährige hat als früherer Chef des Triebwerkbauers SNECMA, des EADS-Vorgängers Aérospatiale und des Rafale-Konsortiums solide Kenntnisse im Flugzeugbau und Rüstungsbereich gesammelt. Zudem ist er zwar ein Mann des Staates, aber keine Marionette der aktuellen Regierung: Gallois war Kabinettchef unter dem linken Verteidigungsminister Jean-Pierre Chévènement.

„Die Franzosen zahlen für ihre Uneinigkeit“, sagt ein Pariser Insider zur neuen Machtkonstellation im EADS-Konzern. Die beiden EADS-Großaktionäre Staat und die private Mediengruppe Lagardère seien zu stark über die Zukunft des „Lagardère-Boys“ Forgeard und Lagardères Rolle im Konzern zerstritten gewesen. Jetzt setze sich das deutsche Denken durch. Doch die Märkte überzeugte das vorerst nicht. Obwohl der Führungswechsel mit der Bekanntgabe eines Durchbruchs auf dem US-Militärmarkt für Hubschrauber geschmückt wurde, hat die EADS-Aktie, die nach Bekanntgabe der Lieferverzögerungen für den Riesen- Airbus A380 abgestürzt war, weiter Blei in den Flügeln. Der Konzern habe die Chance zum Strukturumbau nicht genutzt, mäkelten die Analysten von Sal. Oppenheim. Ein Händler meinte, der Reformstreit könne 2007 neu entflammen, wenn der deutsche EADS-Co-Präsident Manfred Bischoff als Aufsichtsratschef von DaimlerChrysler nach Stuttgart wechsele.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%