Krise
Chemiebranche dreht den Hahn zu

Der scharfe Konjunktureinbruch zwingt die führenden Chemiekonzerne zu tiefen Einschnitten. Gestern kündigte der größte US-Chemiekonzern Dow Chemical den Abbau von rund elf Prozent seiner Belegschaft an. Außerdem will die Nummer zwei der Branche 20 Werke schließen. Und damit nicht genug. In der ganzen Branche sieht es böse aus.

FRANKFURT. Es ist ein hartes Sparprogramm, dass der Chemieriese Dow Chemical sich und seinen Mitarbeitern auferlegt, um der weltweiten Konjunkturkrise zu trotzen: 5 000 Arbeitsplätzen sollen abgebaut, 20 Werke an Standorten mit hohen Kosten geschlossen sowie weitere 180 Fabriken vorübergehend stillgelegt werden.

Vor wenigen Tagen hatte bereits der US-Konzern Dupont den Abbau von mehr als 2 000 Stellen angekündigt. Marktführer BASF gab vor wenigen Wochen die vorrübergehende Abschaltung oder Drosselung von 180 Fabriken bekannt. Auch Firmen wie der hochverschuldete Kunststoffkonzern Lyondell Basell und der niederländische Lackspezialist Akzo planen eine umfangreiche Kostensenkung.

Die Chemieriesen reagieren damit auf einen bislang beispiellosen Einbruch der Nachfrage in wichtigen Teilbereichen. Als Hersteller von Vorpodukten für wichtige Industrien spüren sie allgemeine Konjunktureinbrüche sehr früh. Vor allem das Geschäft mit der Bau- und der Automobilindustrie läuft derzeit extrem schlecht.

Verstärkt wird dabei die Konjunkturentwicklung durch Lagerhaltungseffekte. So fahren viele Weiterverarbeiter in der Erwartung weiter sinkender Chemiepreise derzeit ihre Vorratsläger herunter, wodurch der Rückgang der Chemienachfrage noch weiter beschleunigt wird. Die Chemieproduzenten sind dadurch gezwungen, ihre eigene Produktion abrupt zu drosseln, wollen sie nicht zu große Mengen auf Lager produzieren und das Risiko hoher Vorratsabschreibungen vermeiden.

Die harten Einschnitte sind aber nicht nur konjunkturbedingt, sondern auch Folge der zurückliegenden Konsolidierung, die mit einer Reihe spektakulärer Übernahmen einherging. Dow Chemical zum Beispiel befindet sich in einem radikalen Umbau, nachdem er seine Basischemie in ein Joint Venture mit der Kuwait Petroleum Corporation eingebracht hat und auf der anderen Seite den Spezialchemiehersteller Rohm & Haas übernommen hat. Durch die Integration von Rohm & Haas hoffte man bisher bereits 800 Mill. Dollar an Kosten einzusparen. Weitere 700 Mill. Dollar will Dow-Chef Andrew Liveris jetzt durch die Zusatz-Maßnahmen erzielen. „Angesichts der Stärke des Konjunkutreinbruchs müssen wir den Umbau beschleunigen“, sagte Liveris.

Ähnlich ist die Situation bei der niederländischen Akzo Nobel. Auch dort stand ohnehin eine Restrukturierung nach der Übernahme des britischen Farbespezialisten ICI auf dem Programm. Die Sparziele wurden vor wenigen Wochen aufgestockt.

In der deutschen Chemiebranche ist ein massiver Personalabbau bisher noch kein Thema. Die Konzerne versuchen die Konjunkturflaute nach Informationen des Branchenverbandes VCI vielmehr über andere Instrumente, etwa den Abbau von Arbeitszeitkonten und einen geringeren Einsatz von Leiharbeitern abzufangen. Selbst für Kurzarbeit sieht der Verband bislang wenig Indizien. Zugute kommt den Konzernen dabei bislang noch die Tatsache, dass man in den zurückliegenden Jahren bereits eine behutsame Personalpolitik betrieb.

Dennoch rechnen Branchenfachleute damit, dass das Thema Arbeitsplatzabbau auch hierzulande wieder größeres Gewicht erlangen wird. So dürften etwa bei der BASF im Zuge der Integration der Schweizer Ciba-Gruppe umfangreiche Sturkturmaßnahmen bevorstehen. Der Chemiehersteller Lanxess kündigte gestern einen Umbau seiner Geschäftseinheit Funktions-Chemikalien an. Davon sind 120 Arbeitsplätze betroffen, die nach Angaben des Unternehmens allerdings nicht komplett entfallen sollen. Bei Bayer Material läuft bereits seit 2007 Strukturprogramm, das den Abbau von 1 500 Arbeitsplätzen vorsieht.

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