Krümmel
Krümmel: Der Feind in meinem Reaktor

Sie dachten, sie hätten alles richtig gemacht. Doch sie irrten sich. Nun kämpfen die Mitarbeiter des Kernkraftwerks Krümmel um ihre Jobs, ihren Konzern und die Zukunft ihrer ganzen Branche - ein Besuch im Kraftwerk.

GEESTHACHT. Die 30 Meter breite Kuppe der Beton-Sicherheitsglocke haben sie zur Seite gelegt, ebenso wie den massiven Metalldeckel des Druckbehälters. Sie wollen ran an 80000 Brennstäbe aus Uran, die unten im Becken stecken. Damit sie keinen Schaden nehmen, nicht schon wieder, haben sie das Bassin geflutet. Das Wasser schimmert bläulich, wie ein Swimmingpool im Hallenbad. Friedlich. Freundlich. Fast einladend.

Wären da nicht die Schutzanzüge, Schuhüberzieher, Schutzhelme, die jeder anziehen muss, der hierherkommt. Ins Kernkraftwerk Krümmel.

Sie haben ihm das Herz aufgeklappt, ihrem Reaktor, um hineinzusehen. Man misstraut ihnen und ihrem Meiler. Sie trauen ihm, aber sie müssen zeigen, dass sie alles tun, um Unfälle zu vermeiden. Sie haben jeden einzelnen der 80000 Brennstäbe überprüft. Von der blauen Hebebühne, die auf Schienen über dem Becken hin- und herfährt, haben sie eine Saugglocke hinabgelassen ins Bassin, über 50-mal. Je etwa 1600 Brennstäbe haben sie gepackt und Luft- und Wasserproben entnommen. Das ist nun erledigt, die Tauchglocke steht, wieder fix und fertig eingepackt, neben dem Becken.

Sie haben die Proben ausgewertet, ein Brennelement ist beschädigt, ein einziges. Das Ergebnis soll zeigen: Wir haben alles unter Kontrolle. Wir wissen, was wir tun.

Und sie wissen: Es darf eigentlich nichts mehr passieren. Es ist die letzte Chance für die Mitarbeiter von Krümmel.

Es geht um ihre Jobs, es geht um die Zukunft ihres Arbeitgebers Vattenfall, und vielleicht geht es gar um die Zukunft ihrer ganzen Branche. Das Land misstraut ihnen und ihrer Technik, das ärgert sie. Zugleich rätselt mancher von ihnen, warum die Technik nicht gehorchen mag nach all den Jahren, warum sie sich manchmal aufführt als sei sie ihr Feind - ein Rundgang durch Deutschlands umstrittenstes Kernkraftwerk.

Geesthacht, 30 Kilometer südöstlich von Hamburg, 30000 Einwohner, Backsteinfassaden und Elbblick. Besenhorst, Grünblick oder Hasenthal heißen die Ortsteile, und der am östlichen Rand heißt Krümmel. Früher stand hier einmal eine Dynamitfabrik.

Wer hinein will ins Kernkraftwerk, dass hier seit dem 28. März 1984 Strom produzieren soll, der muss durch mehrere Sicherheitsschleusen. Begegnen sich zwei Mitarbeiter im Reaktorbereich, reichen sie sich nicht einmal die Hand zur Begrüßung, um keine strahlenden Partikel weiterzugeben.

All die Vorsicht, jahrzehntelang eingeübt, die soll nun nichts mehr zählen? An der Pinnwand im Aufenthaltsraum vorm Kontrollbereich, wo sich Besucher den weißen Overall, die Überschuhe und die Handschuhe überstülpen, hängt eine Information des Betriebsrats an die "lieben Kolleginnen und Kollegen". Man sei besorgt, heißt es da, besorgt über die Glaubwürdigkeit des eigenen Konzerns, man spricht von einem "schweren Schlag".

Vattenfall ist ein Wiederholungstäter, schon vor zwei Jahren brannte ein Transformator, und der Reaktor musste stillgelegt werden. Bis vor vier Wochen.

Und dann ist es gleich wieder passiert.

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