0 Bewertungen
17.10.2007 
BMW-Welt

Kunden müssen zahlen, Besucher nicht

von Markus Fassse und Mark C. Schneider

500 Millionen Euro Investition, vier Jahre Bauzeit und ein Vogel als Hauptdarsteller: Die minutiös durchkomponierte Eröffnung der BMW-Welt wurde am Mittwoch lediglich durch den Flug einer Taube gestört. Der Eintritt für die Öffentlichkeit ist frei. Kunden, die ihren Wagen abholen wollen, bekommen zusätzlich Essen und eine Werksführung, müssen aber tief in die Tasche greifen.

So sieht die BMW-Welt von innen aus, das neue Auslieferungs-und Erlebniszentrum des bayerischen Auto- und Motorradherstellers in München. Foto: APLupe

So sieht die BMW-Welt von innen aus, das neue Auslieferungs-und Erlebniszentrum des bayerischen Auto- und Motorradherstellers in München. Foto: AP

MÜNCHEN. Bis zur letzten Minute hatten die Bautrupps versucht, Dutzende der ungebetenen Gäste zu vertreiben, die es sich seit Wochen unter dem Hallendach bequem gemacht hatten – doch eine Taube blieb bis zur Zeremonie. „Ich werte das als gutes Omen“, sagte ein gutgelaunter BMW-Chef Norbert Reithofer vor mehreren tausend Gästen in München.

BMW-Manager haben ihr ambitioniertes Bauprojekt bereits scherzhaft mit dem Bau des Petersdoms in Rom verglichen, und in der Tat hat das neue Auslieferungszentrum des Konzerns etwas von einer Kathedrale. 15 000 Quadratmeter Glasfläche zieren die Außenfassade, ein schwindelerregender Doppelkegel und eine imposante freischwebende Dackkonstruktion sind das Markenzeichen der neuen Konstruktion.



275 Architketen hatten sich um das Projekt beworben, der Wiener Architekt Wolf D. Prix machte das Rennen. 850 0000 Besucher erwartet BMW jedes Jahr. BMW will das Gebäude multifunktional nutzen, doch neben Restuarants, Kongressen und Themenparks steht vor allem die Autoauslieferung im Mittelpunkt.

45 000 Autos pro Jahr wollen die Münchener durch ihren neuen Auslieferungstempel schleusen, jede einzelne solle ein Erlebnis werden, verspricht Vertriebschef Stefan Krause. 450 Euro zahlen die Kunden für die Auslieferung in der BMW-Welt, Werksführung und Mittagsessen inklusive. Eine Summe, die für BMW nicht kostendeckend ist. Zum Vergleich: Wer seinen neuen Mercedes direkt bei Daimler in Stuttgart oder Sindelfingen abholt, zahlt dafür keinen Cent. Bei VW müssen Selbstabholer pauschal 280 Euro berappen. Ein Besuch des Werks, ein Essensgutschein im Wert von 50 Euro und der Eintritt in die VW-Autostadt sind inklusive. Bei Porsche zahlen Selbstabholer rund 470 Euro, bei Audi in Ingolstadt sind es rund 300 Euro.

„Wir wollen eine prägende Erinnerung für die Besucher schaffen“, sagt Krause von BMW. Die Münchener hoffen, dass ihr neues Bauwerk den Markenwert von BMW noch einmal steigert. Denn taxiert Vertriebschef Krause auf derzeit 25 Milliarden Euro, die BMW-Welt zahle noch einmal auf die Marke ein. „Und Marken sind doch nichts anderes als kleine Immobilien der Erinnerung“, sagt Krause.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wie VW zum Vorreiter in Sachen Präsentation wurde

Die Idee, die eigene Marke, ihre Produkte und ihre Geschichte in einem glänzenden Umfeld zu präsentieren ist allerdings keine Erfindung von BMW. Einen familienfreundlichen Freizeitpark rund ums Automobil betreibt der Vorreiter Volkswagen seit sieben Jahren mit der Autostadt. In zwei gläsernen Türmen mit bis zu 20 Stockwerken warten die Volkswagen, egal ob Golf oder Touareg, in Wolfsburg auf ihre Käufer.

Eine wachsende Zahl an Kunden holt den Neuwagen direkt am VW-Stammsitz ab und macht daraus gleich einen Familienausflug. Viele hängen eine Werkstour dran, gehen in Restaurants wie dem „Tachometer“ essen, übernachten vor Ort, kaufen ein oder lauschen Konzerten. Im vergangenen Monat zählte Volkswagen in seiner Autostadt den 15millionsten Besucher.

Die Zeiten dröger Werksbesichtigungen und staubtrockener Autosammlungen, die nur eingeschworene Liebhaber begeisterten, sind vorbei. Die deutschen Autohersteller überbieten sich mittlerweile dabei, die eigene Marke, ihre Produkte und deren Geschichte in möglichst glänzendem Licht zu präsentieren.

Eine Million Autos haben Kunden in der VW-Autowelt bis dato abgeholt. Allein im vergangenen Jahr waren es 170 000. Im Schnitt zieht der Themenpark am Mittellandkanal jährlich zwei Millionen Gäste an. Darunter sind auch 100 000 Schüler. Nur an Heiligabend und Silvester bleiben die Tore dicht. Für die Stadt Wolfsburg ist die ums Auto kreisende Attraktion ein Besuchermotor. Mit 6,3 Prozent lag der Zuwachs an Touristen im Jahr 2006 deutlich höher als der Bundesschnitt von 3,5 Prozent.

Die Beton gewordene PR-Maschine hat ihren Preis: Mit rund 400 Mio. Euro schlug Volkswagens Autostadt fast so teuer zu Buche wie die BMW-Welt. Daran gemessen, nehmen sich die 150 Mio. Euro, die sich Daimler sein Mercedes-Benz-Museum samt Shop und Gastronomie hat kosten lassen, fast bescheiden aus.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Was sich Mercedes und Porsche haben einfallen lassen

In Stuttgart können Besucher „eine Entdeckungsreise durch die Geschichte des Automobils“ unternehmen. Die Tageskarte für Erwachsene kostet acht Euro. Eine Besonderheit des Museums, das 2006 seine Pforten öffnete, ist der Start in der obersten Etage. Der Besucher hat dort die Wahl zwischen zwei Touren. Konzipiert hat den Design-Tempel das angesagte Amsterdamer Architekturbüro UNStudio. Seit der Eröffnung waren 1,3 Mio. Besucher da, pro Woche sind es durchschnittlich 20 000.

Sportwagenbauer Porsche gönnt sich ein spektakulär angelegtes architektonisches Denkmal aus Stahlbeton und Glas. Das Konzept am Porscheplatz im Stadtteil Zuffenhausen gleicht einem Raumschiff. Spätestens Ende 2008 soll das 21 000 Quadratmeter große Porsche-Museum fertig sein und allein 80 Autos ausstellen. Die kalkulierten 50 Mio. Euro dürften bis dahin deutlich übertroffen werden.

Eine Nummer kleiner fällt das Audi-Forum am Münchner Flughafen aus. Das Unternehmen aus dem benachbarten Ingolstadt nutzt die 1 400 Quadratmeter etwa für die Präsentation neuer Produkte. Opel plant nach einem missglückten Versuch („Opel Live“) für 2011 auf 100 000 Quadratmetern ein Museum samt Einkaufszentrum. Nach Rüsselsheim kommen jährlich 80 000 Besucher zu Werkstouren und Events.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterKöpfe

Mr. Apple bittet wieder zur Audienz  Artikel in Merkliste

Der Apple-Gründer Steve Jobs stellt am Dienstag in San Francisco neue Produkte vor – und seine Fitness unter Beweis Artikel


Anzeige

Handelsblatt - Themen des Tages