Kurz vor dem Kollaps
US-Auto-Chefs pilgern nach Washington

Die Situation in der nordamerikanischen Autoindustrie spitzt sich kritisch zu. Auf der verzweifelten Suche nach frischem Kapital trafen sich die Vorstandschefs von General Motors, Ford und Chrysler am Donnerstag mit der Demokratin Nancy Pelosi in Washington, um über die Ausweitung von Staatshilfen zu beraten. Sollten die Verhandlungen scheitern, drohen die "Big-Three" mit einem Job-Desaster.

NEW YORK. Nancy Pelosi, die Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, gilt wie der neu gewählte Staatspräsident Barack Obama als Befürworter einer Rettungsaktion für das vom Kollaps bedrohte Auto-Mekka Detroit. Die sogenannten „Big Three“ können nur noch über Staatshilfen am Leben gehalten werden, weil ihre Fahrzeugverkäufe in den vergangenen Monaten eingebrochen sind und die Konzerne im Zuge der Kreditklemme keinen Zugang zum Kapitalmarkt mehr haben. David Cole vom Center for Automotive Research sieht 2,5 Millionen US-Arbeitsplätze in Gefahr, sollte nur einer der drei Autokonzerne unter der finanziellen Last zusammenbrechen.

Mit der Wahl Obamas zum neuen US-Präsidenten sind die Chancen auf den nächsten Rettungsring für Detroit gestiegen. Der Demokrat hat in Bundesstaaten wie Michigan und Ohio, in denen zahlreiche Autofabriken liegen, auch mit dem Versprechen gepunktet, die Arbeiter der US-Autoindustrie nicht im Regen stehen zu lassen. Staatshilfen für Detroit stünden bei Obama ganz oben auf der Agenda, sagte Carl Levin, demokratischer Senator des Bundesstaates Michigan: „Ich bin sehr optimistisch, dass wir einen Kämpfer für die (Auto-)Hersteller im Weißen Haus haben.“

Dabei scheinen bereits zugesagte Staatskredite im Volumen von 25 Mrd. Dollar, die der Branche bei der Umstellung ihrer Fabriken auf verbrauchsärmere Fahrzeuge helfen sollen, nicht mehr das letzte Wort. Die Hilfen der Regierung für die kriselnde Branche müssten über das bereits bestehende Kreditpaket hinausgehen, sagte der Nordamerikachef von General Motors (GM),Troy Clarke, vor Autozulieferern. Die Situation in der Branche, an der jeder zehnte Arbeitsplatz in den USA hänge, sei dramatisch. Dabei verlangte er von den Zulieferfirmen, die in der Mehrzahl ähnlich schwer leiden wie ihr Großkunde GM, weitere Zugeständnisse: „Die bittere neue Wahrheit ist, dass die Einsparungen nicht mehr aufhören. Die Zeiten sind vorbei, in denen man einen Plan umsetzte, und danach war es gut“, warnte Troy. Seine Prognose: Die Autoindustrie steht vor kritischen 100 Tagen.

Dass den Hauptdarstellern überhaupt noch so lange Zeit bleibt, wird am Finanzmarkt bezweifelt. Zusammen sind GM und Ford – noch immer zwei der umsatzstärksten Konzerne Amerikas – an der Börse aber nicht einmal mehr acht Mrd. Dollar wert. Marktführer GM verbrennt im Zuge der Auto-Krise derzeit mehr als 30 Mio. Dollar täglich und steuert ungebremst auf einen Konkurs zu, wenn der Vorstand kein frisches Kapital beschaffen kann. Dem Rivalen Ford geht es im operativen Geschäft kaum besser; allerdings hat sich dessen Konzernchef Alan Mulally im Vorfeld des rasanten Markteinbruchs Zugang zu mehr Fremdkapital gesichert – er hat wesentliche Vermögenswerte beleihen lassen, von Fabriken und Büroimmobilien über Patente bis hin zum ovalen blauen Firmenlogo.

Derart ausgezehrt, wollen am heutigen Freitag sowohl Ford als auch GM ihre jüngsten Quartalszahlen präsentieren. Analysten erwarten die nächste Serie von Milliardenverlusten, weil aus dem US-Automarkt, der jahrelang über billige Finanzierungen künstlich aufgebläht worden war, jede Menge Luft entweicht: Im Oktober ist der Absatz auf dem weltgrößten Fahrzeugmarkt um etwa ein Drittel eingebrochen. Die unflexiblen und auf einem hohen Fixkostenblock sitzenden Schwergewichte aus Detroit werden von diesem Trend überrollt: GM fuhr von Januar bis Juni 2008 ein Netto-Minus von 18,7 Mrd. Dollar ein, Ford erlitt im ersten Halbjahr einen Verlust von 8,6 Mrd. Dollar. Der Dritte im Bunde, Chrysler, ist seit der Übernahme durch die Private-Equity-Firma Cerberus nicht mehr zur Veröffentlichung von Finanzergebnissen verpflichtet.

Zahlreiche US-Politiker fordern deshalb mit Blick auf das absehbare Job- und Finanz-Desaster Regierungshilfen, auch für Zulieferer und Händler. Dabei diene geplante Notfusion zwischen GM und Chrysler auch dem Ziel, Washington eine Begründung für die Vergabe frischer Staatskredite zu liefern, hat das „Wall Street Journal“ kürzlich berichtet.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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