Kurzarbeit in Sindelfingen: Mercedes: „Wenig Autos, wenig Schnittchen“

Kurzarbeit in Sindelfingen
Mercedes: „Wenig Autos, wenig Schnittchen“

Das gab es lange nicht im Stammland von Mercedes-Benz: "Beim Daimler" in Sindelfingen herrscht seit Montag Kurzarbeit. Der Autobauer steckt in einer tiefen Krise. Und die geht auch und gerade an Sindelfingen, dem Ort mit den Zebrastreifen aus Marmor, nicht vorbei. Die Daimler-Stadt zwischen Hoffen und Bangen.

SINDELFINGEN. Am Sonntag hatte Sindelfingens Oberbürgermeister Bernd Vöhringer (CDU) zum Neujahrsempfang in die Stadthalle geladen. Zum Schulferienende kamen Amts- und Würdenträger, aber auch viele normale Bürger. "Die Stimmung war überraschend gut", erzählt Vöhringer am Tag nach der Veranstaltung mit hunderten Besuchern gut gelaunt.

Wolkenlos blauer Himmel über der verschneiten 60 000-Einwohner-Stadt südwestlich von Stuttgart. Die Sonne strahlt. Ein schöner Wintertag. Für viele Menschen beginnt am Montag die Arbeit wieder. Auch die Weihnachtsferien im größten Werk von Mercedes, dem wichtigsten Arbeitgeber Sindelfingens und dem industriellen Herz der Region, sind beendet.

36 000 der 56 000 in Sindelfingen beschäftigten Menschen arbeiten hier in der Entwicklung und Produktion. Sie stellen rund 1 500 Autos am Tag her und ebenso viele Lastwagen. 52 Bahnwaggons liefern Stahl, Reifen, Glas, Armaturen, Scheinwerfer und Sitze an. Doch dieser Winter ist auch "beim Daimler" kein gewöhnlicher. Das Sindelfinger Werk der wichtigsten Konzerntochter Mercedes-Benz hatte seine Weihnachtsferien ausgeweitet und schon am 12. Dezember begonnen, so lang waren sie noch nie. Einen Monat später, am 12. Januar, gehen viele Mitarbeiter direkt in die Kurzarbeit. Denn rund die Hälfte der Beschäftigten arbeitet bis Ende März nur vier Tage pro Woche.

Zwei Männer um die 50 kommen in der Mittagszeit zum Tor 3 heraus. "Die Stimmung nach Weihnachten ist besser", berichtet einer von ihnen. Beide sind in der Entwicklung beschäftigt und arbeiten uneingeschränkt. Die Kollegen in Kurzarbeit seien natürlich nicht zufrieden. Lebensmittellieferanten des Werks berichten allerdings: "Da drinnen merkt man nichts, da wurde schon immer gejammert." Früher war es über zu viel Arbeit, jetzt ist es über zu wenig. "Für uns wird das keine Katastrophe", erwarten die Lieferanten. Nur beim Kundenzentrum, wo die Neuwagen nebst einem Imbiss an die stolzen Besitzer ausgeliefert werden, bemerken sie einen deutlichen Einbruch: "Viele Autos, viele Schnittchen. Wenig Autos, wenig Schnittchen."

Hartmut Zweigle, evangelischer Betriebsseelsorger in Sindelfingen, kennt die Sorgen der Menschen. Er nimmt derzeit eine "diffuse Angst vor der Zukunft" wahr. Sein katholischer Kollege Walter Wedl sagt: "Die Stimmung sowohl in der Mercedes-Belegschaft als auch im Landkreis schwankt zwischen Hoffen und Bangen. Hoffen, dass die Krise vielleicht nicht ganz so schlimm werden könnte, wie zuweilen öffentlich dargestellt wird. Dennoch mischt sich in die Gespräche vor und hinter dem Werkstor, in den Kneipen und auf dem Wochenmarkt eine gehörige Portion Furcht. Bangen, dass die Krise weit gravierender werden könnte als alles, was seit Bestehen der Bundesrepublik geschah."

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