Langfristige Verträge
Strom bleibt für die Industrie teuer

Der deutschen Industrie droht 2009 durch die Strompreise eine zusätzliche Belastung. Viele Industriekunden sitzen für das kommende Jahr – mitten in der Rezession – schon auf langfristigen Verträgen zu teuren Konditionen. Zudem drohen Strafen, wenn die Unternehmen wegen Kurzarbeit oder Produktionsstillständen weniger Strom abnehmen als bestellt.

DÜSSELDORF.Der Ölpreis sinkt dramatisch - und als Folge gibt auch der Strompreis an der Börse nach. Allerdings profitieren viele Unternehmen nicht davon. Diese Firmen sitzen für das kommende Jahr - mitten in der Rezession - auf langfristigen Verträgen zu teuren Konditionen. Zudem drohen Strafen, wenn die Unternehmen wegen Kurzarbeit oder Produktionsstillstand weniger Strom abnehmen als bestellt.

"Für viele Unternehmen dürfte die Stromrechnung zu einem zusätzlichen Problem in der Krise werden", sagt Alfred Richmann, Geschäftsführer des Verbands der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK), in dem sich Großkunden aus energieintensiven Branchen wie Metall, Chemie, Zement oder Papier zusammengeschlossen haben. "Die Stromrechnung dürfte 2009 tendenziell höher ausfallen als noch in diesem Jahr."

Am Terminmarkt der Leipziger Strombörse EEX sinken die Notierungen für Stromlieferungen im kommenden Jahr zur Zeit deutlich - ausgelöst vor allem durch den Rutsch der Preise der Brennstoffe Öl, Gas und Kohle. Aktuell kostet eine Megawattstunde (MWh) knapp über 55 Euro - 25 Euro weniger als noch Anfang Oktober. In der ersten Jahreshälfte war der Preis aber noch stetig nach oben geklettert - von 62 Euro zum Jahresbeginn auf einen Spitzenwert im Juli von über 90 Euro.

Großkunden aus der Industrie verfolgen beim Stromeinkauf unterschiedliche Strategien. In der Regel sichern sie sich aber in Verhandlungen mit ihrem Versorger längerfristig ihre Lieferungen zu festgelegten Konditionen. Die Preise orientieren sich dabei an den EEX-Notierungen. Entscheidend ist für die Stromrechnung 2009 zu welchem Preisen die Unternehmen zugegriffen haben. Die Firmen selbst halten sich zwar über Einkaufsstrategien und-konditionen bedeckt. Nach den Worten von Ralf Ridzewski, der für die Beratungsgesellschaft NUS Großkunden beim Energieeinkauf berät, haben viele Unternehmen "leider - im Nachhinein betrachtet - zum falschen Zeitpunkt zugegriffen". Viele hatten im ersten Halbjahr Verträge geschlossen, als der Preis schon deutlich angestiegen war, aber mit immer weiteren Steigerungen zu rechnen war. "Zu dem Zeitpunkt war das eine richtige Strategie", sagt Ridzewksi, "eigentlich werden jetzt im Nachhinein die bestraft, die sich verantwortungsvoll verhalten haben."

Der Effekt kann durchaus substanziell sein. Für einen Mittelständler mit einem Jahresverbrauch von 20 Mio. Kilowattstunden macht ein Zehntel Cent, die er je KWh mehr bezahlen muss, 20 000 Euro aus. Im Juli musste er je KWh - ohne Netzkosten und Steuern - einen Preis von 8,4 bis 8,6 Cent akzeptieren - jetzt sind es nur noch 6,4 Cent. Über das Jahr gerechnet wären das Mehrkosten von 400 000 Euro.

Nach den Worten von VIK-Geschäftsführer Richmann fällt der Effekt je nach Einkaufsstrategie unterschiedlich stark aus. Besonders problematisch dürfte es bei den Unternehmen sein, die nur einen Vertrag bei einem Versorger haben, bei dem sie zu einem Termin im Jahr die Konditionen festzurren. Rund 30 Prozent handelten so. Weitere 30 Prozent kauften immerhin grundsätzlich in mehreren Tranchen bei ihrem Versorger ein und dürften so teilweise von den derzeit dramatisch sinkenden Preisen profitieren. Glimpflich dürfte es für den Rest sein - vorzugsweise sehr große Verbraucher wie Bayer oder Thyssen-Krupp. Diese kauften strukturiert ein, das heißt bei mehreren Versorgern in lang- und kurzfristigen Verträgen.

Den Unternehmen droht in der Krise aber noch ein weiteres Problem: mögliche Strafen, wenn sie nicht die vereinbarte Menge abnehmen. In den meisten Verträgen werden festen Mengen vereinbart, von denen der Kunde um einen bestimmten Prozentsatz - beispielsweise zehn Prozent - nach oben oder unten abweichen darf. Sinkt der Bedarf stärker, weil die Bänder wegen der Absatzflaute still stehen, drohen Strafen. In Branchenkreisen wird schon über die ersten Unternehmen berichtet, die ihre Versorger um Kulanz bitten.

Die hohen Kosten, die sich trotz der Rezession für das kommende Jahr abzeichnen, dürfte die Kritik an der Marktmacht der großen Stromproduzenten in Deutschland verstärken. Schon seit Jahren klagt die deutsche Industrie über die stetig steigenden Strompreise. Während die Versorger auf die Entwicklungen an den Rohstoffmärkten und den Belastungen durch den Emissionshandel verweisen, geben die Kunden den vier großen Produzenten Eon, RWE, Vattenfall und Energie Baden-Württemberg (EnBW), die zusammen 80 Prozent der Kapazitäten kontrollieren, eine Mitschuld.

Die deutsche Industrie fühlt sich insbesondere im Vergleich mit anderen Staaten benachteiligt, wo Industriestrom deutlich billiger ist - wie zum Beispiel in Frankreich. Dort werden die Preise aber teilweise subventioniert.

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