Lebensmittelbranche
Schöne, neue Biowelt

Die Unterschiede zwischen „Bio“ und konventioneller Lebensmittelbranche schwinden. Der einstige Nischenmarkt, geprägt von Birkenstock- und Latzhosenträgern, Körner-Essern in selbst gestrickten Pullovern, ist erwachsen geworden. Ihre Produkte ähneln immer stärker denen von herkömmlichen Anbietern. Steht die Branche vor einem Glaubwürdigkeitsproblem?

KÖLN. Es ist eine reichlich klebrige Angelegenheit. Reste von dickflüssigen orangefarbenen und himbeerroten Flüssigkeiten bleiben an seinen Fingern kleben, als Herbert Peters tief in den Metallmülleimer greift. Halb zerdrückte Kunststoffbecher, zusammengeknüllte Alufolie und kaputtes Plastikgeschirr holt er heraus. Energisch stopft er den Abfall in eine große, blaue Plastiktüte, die neben ihm steht. Greift gleich noch mal in den Metallbehälter, fördert wieder Einweg-Geschirr zutage. Der Müllmann wischt sich den Schweiß von der Stirn, hält kurz inne und schüttelt den Kopf: „Wenn man sich das so anschaut, dann denkt man gar nicht, dass man hier bei den Ökos ist.“

Willkommen in Halle 5.1 auf dem Kölner Messegelände, willkommen auf der „Anuga Organic“, einer Schau der Biobewegung. Bis Mitte der Woche stellen hier Biolebensmittelhersteller auf der weltweit größten Nahrungsmittelmesse, der Anuga, ihre Neuheiten aus. Mehr als 250 Bio-Unternehmen präsentieren hier ihre Produkte in deutlich größerem Stil als bislang auf der Anuga üblich.

Nicht nur der Inhalt der Mülleimer macht deutlich: Die Unterschiede zwischen „Bio“ und konventioneller Lebensmittelbranche schwinden. Der einstige Nischenmarkt, geprägt von Birkenstock- und Latzhosenträgern, Körner-Essern in selbst gestrickten Pullovern, ist erwachsen geworden.

Ihre Produkte ähneln immer stärker denen von herkömmlichen Anbietern. Der Biokochbeutelreis könnte auch von Uncle Ben’s kommen, die Tütensuppe von Maggi. Es gibt inzwischen Biosalatdressing zum Anrühren, biologische Hamburger, Pizzen und Currywürste. Das Obst und Gemüse, das die Anuga-Aussteller in ihrem Biosupermarkt drapiert haben, ist genauso schick und glänzend wie konventionelle Ware. Vorbei die Zeiten der schrumpeligen Möhren und Äpfel als Erkennungszeichen für Bio.

Die Unternehmen machen sich noch nicht einmal die Mühe, ihre Messestände gemütlicher, umweltfreundlicher, unkonventioneller zu gestalten. Die Regale sind aus Metall, die Dekoration aus Kunststoff, ebenso wie in den anderen Hallen, die Salate und Schnittchen, die es hier an den Imbisstheken gibt, packen die Mitarbeiter in Alufolie und Einweg-Plastikdosen.

Die Öko-Szene präsentiert sich nicht anders als die Unternehmen, gegen die sie einst antrat. Würde nicht alles mit den grünen Worten „integriert“, „extensiv“, „naturnah“, „unbehandelt“, „nachhaltig“ oder „sanft“ angepriesen, würde der Besucher gar nicht merken, wo er sich aufhält. Der Ökomarkt hat sich gewandelt, die Grenzen verschwimmen – nicht zuletzt dadurch, dass sich heute Discounter und große Supermärkte im Biogehege tummeln, Unternehmen, die lange Zeit mit grünen Ideen nichts anzufangen wussten.

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