Liberalisierung: Energiekonzerne drängen in die Türkei

Liberalisierung
Energiekonzerne drängen in die Türkei

Die Türkei ruft und die Konzerne kommen: Nachdem von der Regierung unlängst Milliardeninvestitionen in der Energiebranche angekündigt wurden, bemühen sich auch deutsche Versorger um ein Engagement. Dabei macht gerade der massiv steigende Stromverbrauch die Türkei zu einem besonders attraktiven Markt.

ISTANBUL. Die deutschen Energiekonzerne haben die Türkei entdeckt. Das Land will in den kommenden zwölf Jahren rund 130 Mrd. Dollar in Energieprojekte investieren. Allein drei bis vier Mrd. jährlich werden für den Bau neuer Kraftwerke benötigt, um den wachsenden Stromverbrauch des Landes zu decken. Fast alle großen türkischen Industrie-Holdings wollen massiv im Energiesektor investieren - und die meisten mit ausländischen Partnern. Die türkische Regierung fördert Energie-Investitionen mit Steuervergünstigungen.

Argumente, die deutsche Energiekonzerne anlocken. Nach Eon, die in der Türkei eine eigene Landesgesellschaft aufbauen will, und EnBW, die auf Partnersuche sind, ist am Wochenende auch RWE in den türkischen Markt eingetreten. Der Konzern will sich an einem türkischen Stromerzeuger beteiligen und gemeinsam weitere Kraftwerke bauen. "Die türkische Wirtschaft ist dynamisch und bietet große Wachstumschancen", sagte Vorstandschef Jürgen Großmann in Istanbul. RWE werde in diesen Tagen eine eigene Landesgesellschaft in der Türkei gründen.

Die Türkei ist tatsächlich ein interessanter Markt: im vergangenen Jahr stieg der Stromverbrauch um 8,6 Prozent auf 189,5 Mrd. Kilowattstunden (kWh). Bis 2015 rechnet die Regierung in Ankara mit einem weiteren Anstieg der Stromnachfrage um durchschnittlich acht Prozent pro Jahr. Damit liegt die Türkei beim Wachstum des Elektrizitätsverbrauchs weltweit auf Platz vier hinter China, Indien und Brasilien. Private Stromerzeuger spielen ein immer größere Rolle. Während noch vor einigen Jahren rund 80 Prozent der Elektrizitätsproduktion auf den staatlichen Anbieter Eüas entfielen, deckten im vergangenen Jahr private Kraftwerksbetreiber bereits bei 33,2 Prozent des Verbrauchs. Weitere 18 Prozent entfielen auf "Selbstversorger", also Industrieunternehmen, die Strom für den eigenen Bedarf produzieren. Damit war der Staat im vergangenen Jahr erstmals nicht mehr der größte Stromerzeuger. Dieser Trend dürfte sich beschleunigen.

Von den heimischen Unternehmen hat vor allem die Sabanci Holding, die zweitgrößte türkische Unternehmensgruppe, große Pläne im Energiesektor. "Energie ist kein neues Geschäft für uns, wir produzieren bereits seit 1994 Strom für den eigenen Bedarf", sagte Güler Sabanci, Chairwoman und Managing Director der Holding in Istanbul in einem Gespräch mit dem Handelsblatt. "Angefangen haben wir mit einem 350 Megawatt-Gaskraftwerk. Bis 2015 wollen wir eine Kapazität von 5 000 Megawatt aufbauen, die Hälfte davon mit Gas, Kohle und Wind, die andere Hälfte mit Wasserkraft."

Sabanci hat bereits Baupläne und Konzessionen für die ersten 2 500 MW. Partner der Sabanci-Gruppe ist Österreichs führender Energieversorger Verbund, der an der gemeinsamen Energie-Tochter Enerjisa 49,9 Prozent hält. Vor allem beim Bau von Wasserkraftwerken setzt Güler Sabanci auf die Kompetenz der Österreicher, "denn Verbund ist in diesem Sektor Weltspitze", sagt die Konzernchefin. Auch beim Einstieg der Türkei in die Atomenergie will Sabanci dabei sein. Nächsten Monat will Energieminister Hilmi Güler das erste türkische Atomkraftwerk ausschreiben. Es soll 2013 ans Netz gehen. Die Regierung plant den Bau von drei Atommeilern mit einer Kapazität von 5 000 MW. "Wir glauben, ohne nukleare Energie wird die Türkei nicht auskommen", sagt Güler Sabanci. "Und wenn es einen Konzern in der Türkei gibt, der dieses Projekt mit den richtigen Partnern finanziell und technisch umsetzen kann, dann ist es Sabanci", sagt die Konzerchefin. An welche Partner sie denkt, verrät sie noch nicht.

Auch andere türkische Unternehmensgruppen setzen auf den Energiesektor: die Alarko Holding will allein dieses Jahr 1,4 Mrd. Dollar in den Kraftwerksbau investieren und interessiert sich ebenfalls für die Atom-Ausschreibung. Man sei mit potenziellen Partner aus Europa und den USA im Gespräch, heißt es in der Konzernzentrale am Bosporus. Die Gama Holding gewann bereits GE Financial Services, eine Tochter der General Electric Gruppe, als Partner für ihre Kraftwerkspläne. Geplant sind bis 2010 Investitionen von drei Mrd. Dollar. Auch der Baukonzern Enka, die Dogus-Gruppe, die Dedeman Holding, sogar der Schmuckhersteller Atasay planen Milliardeninvestitionen im Energiesektor.

Auf große Resonanz stößt auch die bevorstehende Privatisierung der Strom-Verteilungsnetze, die nach langer Verzögerung in diesem Jahr beginnen soll. Interesse an den Leitungen haben bereits Eon, die italienische Enel, die spanische Iberdrola und AES aus den USA angemeldet.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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