Lieferverzögerungen: Siemens will kein ICE-Sündenbock sein

Lieferverzögerungen
Siemens will kein ICE-Sündenbock sein

Konzernchef Löscher weist die Anschuldigungen der Bahn wegen Lieferverzögerungen für neuer ICE-Züge zurück - und reicht die Kritik an den Gesetzgeber weiter. Für das Jahr 2013 zeigt sich Löscher vorsichtig optimistisch.
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München/FrankfurtSiemens-Chef Peter Löscher sieht sich nach dem geplatzten Liefertermin für acht neue ICE-Züge nicht als Sündenbock für mögliche Probleme im Winterfahrplan der Bahn. „Wir lassen niemanden im Stich. Unseren Kunden Deutsche Bahn nicht und nicht deren Fahrgäste“, sagte Löscher der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Siemens habe der Bahn ein umfangreiches Winterpaket angeboten. „100-Service-Techniker stehen jederzeit bereit, um Probleme der ICE-Flotte jederzeit beheben zu können.“

Siemens hatte Ende November erklärt, dass acht neue ICE 3 des Typs Velaro wegen Software-Problemen nicht wie geplant eingesetzt werden können und dafür scharfe Kritik von der Bahn geerntet. Fernverkehrschef Berthold Huber warf Siemens vor, die Bahnkunden im Stich zu lassen. Auch Bahnchef Rüdiger Grube beschwerte sich öffentlich über die Lieferqualität von Siemens.

Löscher äußerte zwar Verständnis für den Ärger der Bahn. Das Sachthema, das Bahn und Hersteller gleichermaßen beschäftige, sei aber ein ganz anderes. „Bahn-Chef Grube spricht ja selbst von den komplizierten Zulassungsverfahren für Züge in Deutschland.“ Für Autos und Flugzeuge gebe es viel einfachere Verfahren. „Hier liegt eine entscheidende Ursache für Unsicherheiten und Verzögerungen.“

Der Streit mit der Bahn ist für Löscher nur eine von mehreren Baustellen. Derzeit arbeitet er unter Hochdruck an einem Sparprogramm, mit dem er die Kosten des Konzerns in den nächsten zwei Jahren um mindestens sechs Milliarden Euro drücken will. Für Aufsehen hatte auch die geplante Trennung von der Vorstandsfrau Barbara Kux gesorgt sowie der überraschende Ausstieg aus dem Solargeschäft, das einst als Hoffnungsträger galt. Löscher sieht dieses Kapitel aber nicht als seinen Fehler an. „Was heißt Fehler? Es ist immer eine unternehmerische Entscheidung, ob Sie in eine neue Technologie gehen oder nicht“, sagte er. „In dem Fall haben sich die Rahmenbedingungen komplett geändert. „Darauf mussten wir reagieren.“

Seinen Job an der Spitze des Siemens-Konzerns ist der 55-Jährige trotz der Probleme nicht leid. Die Rolle als Anführer der deutschen Industrie behage ihm. Der Satz, dass er eines Tages als Siemens-Chef in den Ruhestand gehen wolle, gelte noch immer. „Das gilt mehr denn je: Ich bin so fit wie lange nicht. Und Freude macht's wie am ersten Tag.“ Die Aktionäre des Konzerns können sich bald davon überzeugen: Ende Januar muss sich Löscher den Fragen der Anteilseigner bei der Hauptversammlung in München stellen.

Siemens stellt sich auf ein schwieriges neues Jahr ein. "2013 werden wir sicher Gegenwind haben", sagte Löscher der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". "Ich erwarte abflauendes Wachstum und in der Eurozone eine leichte Rezession, aber kein weltweites Krisenszenario." Hoffnungen setzt der Manager auf die weltgrößten Volkswirtschaften USA und China. Er erwarte keinen Absturz der Weltwirtschaft, sondern "eher die eine oder andere positive Überraschung".

Voraussetzung sei, dass die USA die "Fiskalklippe" umschifften, dann gebe es dort immer Wachstumsmöglichkeiten. Niedrige Energiepreise begünstigten die Re-Industrialisierung der USA - das werde Siemens dort mittelfristig beflügeln. "Und China ist beim Wachstum eine Acht vor dem Komma zuzutrauen", sagte der Chef des Industriekonzerns der Zeitung weiter.

 

Kommentare zu " Lieferverzögerungen: Siemens will kein ICE-Sündenbock sein"

Alle Kommentare
  • GE wird Siemens nicht das Fürchten lehren - warum, Siemens hat gute Partner die als Zulieferer und Subunternehmer sehr gute Arbeit leisten. Das Gesamtergebnis kann sich sehen lassen.

  • Ich glaube, dass Ihre pauschale Aussage "Siemens fehlt Geduld, Disziplin, Mut und Weitsicht" so nicht stimmt. Ein Beispiel ist der Medizintchnik-Bereich. Hier hat Siemens entgegen vieler "Experten" durchgehalten. Heute wird dort Geld verdient.
    Ich bin davon überzeugt, dass dies auch zukünftig im Solarbereich möglich wäre. Dieser Bereich innerhalb der Erneuerbaren Energien weist die höchsten Wachstumsraten auf.

  • Zur Zeit hängt fast jeder Unternehmenserfolg von makroökonomischen Rahmensetzungen ab. Dafür kann Löscher nichts.
    Unsere staatlich gesetzten Bedingungen sind prekär und solange sie das sind, hängt der Erfolg mehr von der Politik als von Firmenlenkern ab. Nichts desto trotz macht es schon einen Unterschied wer ein Unternehmen lenkt. Je schwieriger das Umfeld, desto höher muss die Qualität sein, damit ein Unternehmen nicht abstürzt.

    Es ist offensichtlich, dass die gesetzgeberischen Versäumnisse und Handlungen die Dauerkrise verursacht haben. Sie sind von falschen Voraussetzungen ausgegangen. Und besser kann es nur werden, wenn das korrigiert werden kann. Doch Fehlentwicklungen haben ihre Eigendynamik, weil sie neue Abhängigkeiten und Machtträger prägen, sie lassen sich deshalb nicht einfach so ohne weiteres korrigieren. Zurück auf Start, wie im Monopoly geht halt nur im Spiel, nie in der Realität.

    H.

  • Stimme voll zu -- GE wird Siemens das Fürchten lehren.
    Habe das schon oft erlebt.

  • GE wird Löscher & Konsorten das Fürchten lehren. Und zwar schon bald, wenn es nicht schon eingetreten ist.

  • "Voraussetzung sei, dass die USA die "Fiskalklippe" umschifften, dann gebe es dort immer Wachstumsmöglichkeiten. Niedrige Energiepreise begünstigten die Re-Industrialisierung der USA - das werde Siemens dort mittelfristig beflügeln. "Und China ist beim Wachstum eine Acht vor dem Komma zuzutrauen", sagte der Chef des Industriekonzerns der Zeitung weiter."

    Alles Faktoren, die Siemens nicht beeinflussen kann. Wenn Unternehmenserfolg nur noch von makroökonomischen Faktoren abhängig ist, dann braucht man keinen Vorstand, der sich Millionen in die Tasche steckt. Zum Glück gibt es noch den Mittelstand, der trotz widriger Gegebenheiten, Arbeitsplätze schafft.

  • "Hirn und Verstand": Den meisten Vorständen fehlen diese. Bei Siemens irgendwie mehr als woanders. Solarenergie, Telefonie, Handysparte, Lichttechnik sind manche vielversprechende Bereiche, in der Siemens entweder nicht mehr vertreten ist oder will nicht mehr aktiv sein. Sobald Siemens vor einer Schwierigkeit steht wirft es das Handtuch ein. Siemens fehlt Geduld, Disziplin, Mut und Weitsicht.

  • Wie war das noch gleich? "Willste was von Siemens oder lieber was Gescheites?" So lange Technik getriebene Unternehmen von Juristen und BWL Fuzzies geführt werden, die keine ahnung von den Produkten haben, so lange wird das nichts.

  • Peter Löscher hat im Solargeschäft Fehler zumindest mitzuverantworten. Der Ausstieg war aus meiner Sicht strategisch falsch. Richtig gewesen wäre, wenn man in diesen Bereich investiert hätte - mit Hirn und Verstand. Nur: Den Mut hat bei der relativ kurzfristig orientierten Denke wohl niemand im Vorstand.
    Früher oder später wird das Thema Löscher wieder auf die Füße fallen. Nur wahrwscheinlich ist der Zug dann schon in weite Ferne gerückt.

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