Linde und Praxair
Reitzles Spiel mit hohem Einsatz

Bei den Verhandlungen mit Praxair hat Linde-Chefaufseher Wolfgang Reitzle ein respektables Ergebnis erzielt. Doch für den Münchener Dax-Konzern bleibt ein ungutes Gefühl. Ein Kommentar.
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MünchenDie Fusionsverhandlungen mit Praxair hat Linde nicht gerade aus einer Position der Stärke heraus geführt. Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle hatte einen sehr hohen Einsatz auf die Fusion mit dem US-Konkurrenten zum weltgrößten Gasekonzern mit 28 Milliarden Euro Umsatz gesetzt. Nach dem Rauswurf des Finanzvorstands Georg Denoke und dem Rücktritt von Vorstandschef Wolfgang Büchele holte er den Pensionär Aldo Belloni als Chef zurück.

Das war bewusst eine Übergangslösung, bis die Fusion mit Praxair über die Bühne gegangen ist. Bei einem Scheitern des Zusammenschlusses, der noch immer möglich ist, stünde Reitzle vor einem Scherbenhaufen. Keine guten Voraussetzungen für Verhandlungen mit einer starken und selbstbewussten Gegenseite.

Am Dienstag nun einigten sich beide Seiten auf ein Eckpunktepapier für die Fusion. Die neue Holding soll einem „neutralen“ Mitgliedsland des Europäischen Wirtschaftsraums sitzen, der Vorstandschef in den USA. Das Bewertungsverhältnis liegt bei 50:50.

Angesichts der schwierigen Ausgangslage kann sich das Ergebnis für Reitzle zumindest sehen lassen – was übrigens auch den Arbeitnehmervertretern zu verdanken ist. Zwar wird der neue Konzern de facto zu großen Teilen aus den USA heraus geführt werden. Das kommt nicht überraschend, schließlich ist nicht nur Reitzle davon überzeugt, dass Praxair glänzend geführt wird.

Doch versinkt der Standort München nicht in der Bedeutungslosigkeit. Linde soll die Hälfte der Vorstände stellen, einige Funktionen sollen von München aus geführt werden. In den nächsten Jahren wird es zudem in Deutschland keine betriebsbedingten Kündigungen geben. Und manch einer wird sich freuen, dass der Traditionsname Linde erhalten bleibt.

Die Entscheidung für die Fusion ist auch aus deutscher Sicht grundsätzlich nachvollziehbar. Im Gasegeschäft spielen Größeneffekte eine wichtige Rolle. Mit Praxair und Linde schließen sich zwei starke Partner zusammen, die sich vor allem regional gut ergänzen. Das lässt hoffen, dass die Integration gelingt.

Eine Garantie gibt es dafür allerdings nicht. Schon viele Unternehmen haben die kulturellen Unterschiede zwischen den USA und Deutschland unterschätzt. Daimler-Chrysler ist nur der bekannteste Fall einer „Hochzeit im Himmel“, die mit Tränen endete.

Die Kombination von Praxair und Linde hat Chancen, eine der wenigen Erfolgsgeschichten unter den Großfusionen zu werden. Dennoch bleibt ein ungutes Gefühl. Es wäre besser gewesen, wenn Linde rechtzeitig seine operativen Hausaufgaben gemacht und eine überzeugende Zukunftsstrategie entwickelt hätte. Mit einem einigen Vorstand hätte es wohl Chancen gegeben, als der auch nach Börsenwert größere Partner in die Fusions-verhandlungen zu gehen.

Axel Höpner
Axel Höpner
Handelsblatt / Büroleiter München

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