Linde und Praxair
So geht's weiter mit dem 60-Milliarden-Euro-Deal

Die Fusion von Linde und Praxair ist perfekt. Es fehlen nur noch die Zustimmung der Praxair-Aktionäre und der Kartellbehörden. Doch ein Selbstläufer wird der 60-Milliarden-Euro-Deal dennoch nicht.
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MünchenAm Freitag sprach Praxair-Chef Steve Angel den widerstrebenden Arbeitnehmern erst einmal ins Gewissen. „Die Aussicht auf langfristig nachhaltiges Wachstum bietet klare Entwicklungschancen für unsere Mitarbeiter“, sagte der Chef des US-Konzerns in einer Telefonkonferenz mit Journalisten.

Denn Linde und Praxair sind sich einig: Die Unternehmen wollen zum weltgrößten Industriegasekonzern fusionieren. Nach stundenlanger Diskussion stimmte am Donnerstagabend der Linde-Aufsichtsrat dem 60-Milliarden-Euro-Deal zu. Nun dürfen noch die Aktionäre darüber abstimmen – aber nur in den USA.

Denn eine außerordentliche Hauptversammlung wird es nur bei Praxair geben. Der US-Konzern wird auf die neue Holding verschmolzen. Dagegen müssen die Linde-Aktionäre ihre Aktien selbst in Anteilsscheine der neuen Holding tauschen. Die Linde-Führung sieht das als eine Art Abstimmung mit den Füßen. Ein Hauptversammlungsbeschluss sei nicht notwendig.

Aktionärsschützer sehen das anders. „Wir fordern den Linde-Vorstand auf, eine außerordentliche Hauptversammlung einzuberufen“, sagte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz dem Handelsblatt. Die Aktionäre müssten das letzte Wort haben. Sollte die Linde-Führung der Forderung nicht nachkommen, wolle die DSW eine Feststellungsklage einreichen. Die Aktionärsschützer halten die Fusion für einen schwerwiegenden Eingriff in die Struktur der Linde AG. Dagegen argumentiert Linde-Chef Aldo Belloni, dass es die AG ja weiterhin geben werde.

Den Aktionärsschützern geht es nicht darum, die Fusion zu verhindern. „Uns geht es nicht um das Ob, sondern um das Wie“, sagt Bergdolt. Die strategische Entscheidung für die Fusion könne sie nachvollziehen. Allerdings habe Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle das Projekt zu sehr durchgepeitscht. „Es geht nicht, dass man sich gegen alle stellt.“

Auch sonst gibt es noch Hürden. Die Kartellbehörden müssen dem Deal zustimmen. Der künftige Linde-Chef Steve Angel erwartet Kartellauflagen vor allem in Amerika. „Ein Selbstläufer ist das nicht“, sagt ein Insider. Den beiden Unternehmen ist klar, dass sie sich von Teilen ihres Geschäfts trennen müssen. Zudem müssen 75 Prozent der Linde-Aktionäre ihre Anteile in Aktien der neuen Holding tauschen. Das ist dann die indirekte Abstimmung. Reitzle hingegen ist zuversichtlich, dass der Weg nun frei ist. Nach der Aufsichtsratssitzung war er laut Beobachtern locker und gelöst.

Nach monatelangem Streit war die Entscheidung am Donnerstagabend zuvor ohne die von manchen erwartete Kampfabstimmung gefallen: Nur fünf der sechs Arbeitnehmervertreter votierten Insidern zufolge gegen den milliardenschweren Deal. Ausgeschert sei der Betriebsratschef des Dresdner Standorts, der ohne die Fusion von der Schließung bedroht wäre. Alle sechs Repräsentanten der Kapitalseite stimmten dafür. Deshalb habe Aufsichtsratschef Reitzle darauf verzichtet, die Zustimmung mit seinem doppelten Stimmrecht zu erzwingen.

Nach der Sitzung stieß er mit anderen Kontrolleuren auf die Entscheidung an – und auf das Ende der monatelangen Auseinandersetzungen. Er hatte das Projekt energisch vorangetrieben. Er ist überzeugt, dass Linde und Praxair ein Weltklasse-Unternehmen formen können, das besser für die erwartet unruhigen Zeiten gerüstet ist. Die Arbeitnehmer fürchten dagegen eine heimliche Übernahme durch die Amerikaner und den Verlust von Tausenden Arbeitsplätzen in Europa. Denn irgendwo müssen die Synergien ja herkommen.

Grund für Sorgen der Beschäftigten vor einem Verkauf der Anlagensparte sieht Angel nicht. Der Praxair-Chef sagte am Freitag in einer Telefonkonferenz mit Journalisten, die Ingenieurdienstleistungen des deutschen Konzerns hätten einen hervorragenden Ruf. „Wir freuen uns sehr, diese Fähigkeit in das neue Unternehmen einzubringen“, erklärte der Amerikaner. „Ich habe in vielen Jahren erkannt, dass man kein führendes Industriegase-Unternehmen sein kann, wenn man keinen starkes Ingenieur- und Technologie-Standbein hat.“

Linde und Praxair bezifferten die erhofften Synergien und Kosteneinsparungen nun auf jährlich 1,2 Milliarden Dollar. Das ist etwas mehr als ursprünglich angekündigt. Die Linde-Aktie zählte am Freitag mit einem Plus von 1,2 Prozent zu den größten Gewinnern im Dax. Die Praxair-Titel waren am Vorabend in New York mit einem Kursanstieg von 1,4 Prozent aus dem Handel gegangen.

Der neue Konzern kommt, so die Fusion klappt, auf einen Pro-Forma-Umsatz von etwa 27 Milliarden Euro. Die aus Kartellgründen notwendigen Abspaltungen sind dabei noch nicht berücksichtigt. Am Ende wird es also etwas weniger sein. Der Börsenwert der beiden Konzerne betrug zuletzt etwa 66 Milliarden Dollar.

Der neue Konzern soll Linde heißen und seinen Sitz in Irland haben. Praxair-Chef Steve Angel soll ihn aus den USA heraus operativ führen. „Dieser Zusammenschluss ist eine überzeugende und zukunftsweisende Chance, einen Weltmarktführer für Industriegase zu schaffen“, sagte er. Linde-Chef Aldo Belloni sprach von einer „einmaligen Chance“. Nach dem Abgang von Ex-Vorstandschef Wolfgang Büchele war er aus dem Ruhestand zu Linde zurückgekehrt. Seine Hauptaufgabe ist es nun, die Fusion über die Bühne zu bringen. Am Freitagvormittag wollten er und Angel in München ihre Pläne vorstellen.

Axel Höpner
Axel Höpner
Handelsblatt / Büroleiter München

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