Lokführer, Erzieher, Piloten
Die Nadelstiche der Gewerkschaften

Die Bahnen stehen still, viele Kitas haben geschlossen. Deutschland – so scheint es – wird durch Streiks lahmgelegt. Doch die Lage ist weit harmloser als angenommen, zeigt ein Blick in die Statistik.
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DüsseldorfWer morgens vergeblich versucht, sein Kind in die Kita zu bringen und danach am Bahnhof vergeblich auf seinen Zug zur Arbeit wartet, der darf schon mal genervt sein von all den Streiks. Ob Lokführer, Erzieherinnen oder Amazon-Lagerarbeiter – Deutschland als Europas größte Volkswirtschaft scheint derzeit fest in der Hand von Arbeitnehmern zu sein, die ihre Arbeit niederlegen. Wird das Land zur Streikrepublik? Drohen gar „französische Verhältnisse“? Ganz so einfach ist es nicht.

Nach aktuellen Statistiken des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung (WSI) ist die Zahl der Ausfalltage durch Streiks im Jahr 2014 sogar massiv gesunken – im Jahresvergleich um satte 25 Prozent auf 392.000 Tage. Die Zahl der beteiligten Mitarbeiter ging sogar noch stärker zurück: Mit 345.000 Beschäftigten streiken nur noch ein Drittel so viele Mitarbeiter wie noch 2013. Und das obwohl die Zahl der Tarifkonflikte mit 214 im Gesamtjahr etwa gleich geblieben ist.

Die Zahlen des WSI gelten dabei noch als hoch angesetzt, da auf Daten der Gewerkschaft zurückgegriffen wird. Deren Teilnehmerzahlen fallen meist höher aus als die entsprechenden Angaben der Arbeitgeber. Die öffentliche Statistik der Bundesagentur für Arbeit ist derzeit noch nicht verfügbar, dürfte aber sogar noch etwas niedriger ausfallen. Denn dort werden nur Arbeitskämpfe erfasst, die von den Arbeitgebern gemeldet werden.

Dass die Streikstatistik im vergangenen Jahr niedriger ausgefallen ist, hat einen einfachen Grund. Die ganz großen, flächendeckenden Arbeitskämpfe sind ausgeblieben, statt großer Branchen wurden vor allem einzelne Unternehmen wie Amazon oder die Lufthansa bestreikt. Besonders die Tarifrunden in der Metall- und Elektroindustrie bestimmen, wie die Streikstatistik sich entwickelt, erklärt WSI-Arbeitskampfexperte Heiner Dribbusch.

So sehr die GDL-Streiks auch zur Belastung für Pendler werden. Wirklich teuer für die Gesellschaft sind sie nicht. Streiks im Öffentlichen Dienst oder in der Metall- und Elektrobranche hinterlassen deutlich größere Schäden. Doch Ausstände wie Bahnstreiks sind vor allem direkt spürbar. Und so werden die Streiks zu Nadelstichen der Gewerkschaften, die deutlich stärker wahrgenommen werden.

Die Art und Weise wie gestreikt wird, habe sich verändert, betont man beim arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft. IW-Tarifexperte Hagen Lesch spricht von einem „Strukturwandel des Arbeitskampfes“. Oft seien es kleine Berufsgruppen im Dienstleistungssektor, die für ihre Interessen streiten – und deren Gewerkschaften zwecks Mitgliederwerbung streikbereiter seien. Mittlerweile seien 90 Prozent aller Arbeitskämpfe diesem Bereich zuzuordnen. Und wenn bei Dienstleistungen gestreikt wird, dann sind die Auswirkungen schneller spürbar als wenn in der Industrie die Bänder stillstehen. Die Lokführer sind dafür das prominenteste Beispiel. Ihre Gewerkschaft GDL gilt als besonders streitlustig.

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Bei Verdi „kein Tag ohne Streik“

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  • Wieso kommen die überbezahlten Piloten mit Ihren unberechtigten Forderungen durch. Sie sind überflüssig und zerstören vorsätzlich die Umwelt. Warum haben die Erzieher kein Erfelgt, wo sie doch so wichtig für unsere Kinder, Zukunft sind?? Für kriminelle Ausländer(Flüchtlinge, Asylanten haben wir Geld im Überfluss, nur für unsere Kinder nicht. Da wollen wir unbedingt tote Kinder sehen (Berlin -Schulen "stürzen ein" und müssen geschlossen werden)!!

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