Luftfahrt
Firmenjets, oder: Symbole der Gier

Firmenjets haben ein Imageproblem. Das Volk ist wütend, wenn Manager in Krisenzeiten im Business-Flieger durch Amerika jetten und gleichzeitig Staatsmilliarden kassieren. Viele US-Firmen lassen ihre Maschinen deshalb lieber diskret im Hangar oder stellen sie zum Verkauf - zum Entsetzen der Hersteller. Nun ziehen sie in den Luftkampf um die öffentliche Meinung.

WICHITA. Jack Pelton reicht es jetzt. "Es wird Zeit, dass die andere Seite der Geschichte erzählt wird", wettert der Mann aus Wichita, Kansas. Pelton, Hobbypilot mit gepflegtem grauen Schnurrbart, will nicht länger zusehen, wie Firmenflugzeuge verteufelt werden. Diese seien kein Luxus, sondern "meist ziemlich spartanisch, mit einer Kabine nicht größer als bei einem Minivan", sagt er. Genutzt würden sie meist von Managern im Mittelbau, die damit schnell zu vielen Standorten gelangen könnten. Deshalb, so Pelton pathetisch, würden Firmenflieger sogar helfen, in der Krise "einen Pfad zum wirtschaftlichen Aufschwung zu schlagen".

Der Mann, der da kürzlich Frust abließ, ist seit sechs Jahren Chef von Cessna, dem weltgrößten Hersteller von Privatflugzeugen. Als solcher zieht Pelton nun mit einer Imagekampagne für Business-Jets in den Luftkampf um die öffentliche Meinung. Konkurrent Hawker Beechcraft hat Ähnliches gestartet, der Branchenverband NBAA beschwerte sich in einem offenen Brief an US-Präsident Barack Obama über die "Verunglimpfung" der Geschäftsfliegerei.

Erst am Sonntag hat der US-Kongress die Regeln für Banken, die Staatshilfe bekommen, noch einmal verschärft. "Exzessive oder luxuriöse Ausgaben" wie Firmenjets, heißt es im Entwurf, sind fortan tabu. Einige Wochen zuvor hatten bereits die Chefs der drei großen Autokonzerne einen Sturm der Entrüstung ausgelöst, als sie mit dem Firmenflieger nach Washington gedüst waren, um vor dem Kongress um Kredite zu bitten. Medien und Politiker schäumten, ein Abgeordneter fragte spitz: "Hätten Sie sich nicht mit der ersten Klasse begnügen können?" Für die Autobauer ein PR-Gau sondergleichen. Mit Folgen: Die Chefs der größten US-Banken nahmen vergangene Woche für einen ähnlichen Termin lieber die schnöde Linienmaschine oder gleich die Eisenbahn (zum Artikel).

Damit trifft die Politik die Stimmung im Volk: Die Schuldigen der Krise, die Steuergelder nachgeworfen bekommen, sollen das Geld nicht auch noch in den Turbinen ihrer teuren Privatflugzeuge verfeuern. Firmenjets seien zum "Symbol unternehmerischer Gier" geworden, schrieb das Wirtschaftsmagazin "Economist". Die Folgen für Hersteller wie Cessna, Bombardier oder General Dynamics: Geplatzte Bestellungen, verschobene Innovationen, Stellenabbau.

Die noch recht junge Branche durchleidet ihre schwerste Krise. Gerade erst waren Privatjets - lange Spielzeuge von Ölscheichs und Filmstars - auf dem Weg zum Massengeschäft. Gleich mehrere Unternehmen haben aber zuletzt ihre Jets ausgemustert. Die Bank of America will drei von sieben verkaufen, die Citigroup musste ein 50 Mio. Dollar teures Flugzeug nach Protest abbestellen. Und Starbucks will zwei von drei Jets verkaufen, obwohl einer davon erst im Dezember an den Start gegangen war.

Niemand will noch einmal derart Prügel einstecken wie die Chefs der großen Autobauer.

Wer nicht fliegt, unterliegt, hält Pelton dagegen. Es ist der verzweifelte Appell eines Mannes, um dessen Posten ihn im Moment nicht viele beneiden dürften. Auf Cessnas neu eingerichteter Website cessnarise.com heißt es mit viel Tremolo: "Wir denken, es ist Zeit uns zu erheben". Ja, "schämen sollten sich jene, die behaupten, Geschäftsfliegerei sei bloße Frivolität". Dazu ließ Pelton Zeitungsanzeigen drucken, Botschaft: "Schüchternheit hat Sie nicht so weit gebracht". Manager, die einknickten, müsse man bemitleiden. Und eines sei klar: "Visionäre werden weiterhin fliegen."

Ausgerechnet den missglückten Trip der Detroit-Chefs nutzt nun der Privatflieger-Hersteller Hawker Beechcraft. In Anzeigen präsentiert die Firma das neue Modell King Air 350 als das "grünste und effizienteste Flugzeug". Im Text heißt es mit einer Prise Häme, die Automanager hätten "einen wärmeren Empfang" erhalten, wären sie mit der achtsitzigen Propellermaschine angereist. Im Übrigen verspreche das Flugzeug, weil es so leise sei, "einen ruhigen Flug nach Hause am Ende eines harten Tages vor dem Kongress".Doch sie kosten eine Menge Geld, und die Wirtschaftskrise zwingt die Kunden zum sparen. Und in Zeiten, in denen Unternehmen die Regierung um Milliarden anflehen müssen, kommen Flugzeuge gar nicht gut an.

Nils Rüdel
Nils Rüdel
Handelsblatt / Deskchef Politik
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