Luftfahrtschau Farnborough
Boeing setzt auf Erneuerungsbedarf

Trotz der Krise in der Luftfahrtindustrie und des Rekordölpreises haben die Flugzeughersteller ihren Optimismus nicht verloren. Boeing hofft auf eine steigende Nachfrage nach spritsparenden Jets.

LONDON. Die Krise in der Luftfahrtindustrie trübt nach Einschätzung von Boeing die Aussichten für die Flugzeughersteller nicht. Der US-Konzern hat zwar in seiner neuen 20-Jahres-Prognose das Wachstum der Flugzeugflotte nach unten korrigiert, die Nachfrage nach Jets aber nach oben. Der Grund dafür sei der steigende Bedarf an spritsparenden Maschinen, sagte Marketing-Chef Randy Tinseth gestern in London. Damit geht die Branche trotz der Rekordölpreise und der Klimaschutzdebatte voller Optimismus in die Luftfahrtschau im britischen Farnborough.

"Ich bin seit 27 Jahren in der Branche und habe in zwei Rezessionen erlebt, wie widerstandsfähig sie ist", sagte Tinseth bei der Präsentation des Marktausblicks bis 2027. Sobald sich die Konjunktur belebe, komme auch die Luftfahrt wieder auf die Beine. Die aktuellen Probleme der Kunden sieht er in der Prognose hinreichend berücksichtigt. Die Fluggesellschaften stehen wegen der hohen Ölpreise vor neuen Milliardenverlusten. Die Pleitewelle rollt bereits.

Doch das schockiert Boeing nicht. Der US-Konzern rechnet damit, dass die Branche in den kommenden 20 Jahren 29 400 neue Passagier- und Frachtflugzeuge bestellt. Das sind 800 mehr als bei der letztjährigen Prognose. Airbus hat im Februar für denselben Zeitraum vorausgesagt, dass die Flugzeughersteller 24 300 Maschinen im Gesamtwert von 2,8 Bill. Dollar bestellen werden. Der europäische Konkurrent benutzt aber etwas andere Marktabgrenzungen.

Die zur Verfügung stehende Flotte im Jahr 2027 veranschlagt Boeing auf 35 800 Maschinen - 600 weniger als vor einem Jahr. Heute sind 19 000 Flugzeuge in Betrieb. Das Wachstum der Flotte entspräche also mit 3,2 Prozent im Jahr genau dem von Boeing geschätzten Wachstum der Weltwirtschaft.

Die unterschiedliche Entwicklung der beiden Zahlen erklärt sich aus zwei Faktoren. Zum einen erwartet Tinseth eine deutlich schnellere Modernisierung der Flotten. Auf 43 statt bisher 36 Prozent veranschlagt er den Anteil der Ersatzbeschaffungen an allen Flugzeugbestellungen bis 2027. Zum anderen würden die Airlines tendenziell immer größere Maschinen bestellen: "50-Sitzer werden durch 70-Sitzer ersetzt und 70-Sitzer durch 90-Sitzer."

Der Modellmix wird sich laut Boeing in den kommenden zwei Jahrzehnten deutlich verschieben. Der Anteil der so genannten Regionaljets an der Flotte werde von 17 auf nur noch sieben Prozent einbrechen. Zwei von drei Maschinen würden Mittelstreckenjets mit einem Gang zwischen den Sitzen sein; bisher sind es 60 Prozent. Der Anteil der Langstreckenflugzeuge mit zwei Gängen werde von 18 auf 23 Prozent steigen.

Das Segment der großen Langstreckenflieger sieht Boeing von fünf auf vier Prozent schrumpfen. Der US-Hersteller ist seit Jahren weniger optimistisch als Airbus, was die Aussichten von Großraumflugzeugen der Kategorie A380 anbelangt. Er sieht darin eine relativ kleine Nische, weil die Passagiere weiterhin Direktverbindungen verlangten.

Behält Boeing recht, dann kommen auf die Flugzeughersteller in den nächsten 20 Jahren Aufträge im Wert von 3,2 Bill. Dollar (zwei Bill. Euro) zu. Boeing hat nach eigenen Angaben einen Auftragsbestand von 271 Mrd. Dollar (172 Mrd. Euro), EADS-Chef Tom Enders sprach jüngst von 290 Mrd. Euro an Aufträgen für sein Unternehmen.

Die ölpreisbedingte Krise der Luftfahrtbranche könnte dazu führen, dass sich der Rückstau an unerledigten Aufträgen verringert. Erste US-Airlines haben bei Boeing bereits Aufträge verschoben, wie Tinseth einräumte. Doch er wies auch darauf hin, dass der US-Markt kaum mehr als ein Zehntel des Auftragsbestandes ausmache.

Ein wachsender Teil der Aufträge kommt sowohl bei Airbus als auch bei Boeing aus den aufstrebenden Märkten Asiens. Bis 2027 werden laut Tinseth 31 Prozent aller neuen Jets dorthin geliefert. Damit verdrängt Asien Nordamerika von der Spitze. Für die beiden großen Flugzeughersteller bedeutet dies, dass ihre Märkte besser ausbalanciert sein werden. Andererseits entstehen aber gerade in Russland und China neue Flugzeughersteller, die sich fest vorgenommen haben, Airbus und Boeing herauszufordern.

Auf der Luftfahrtschau im südenglischen Farnborough, die am Montag beginnt, dürften allerdings weniger die langfristigen Aussichten als die kurzfristigen Probleme im Mittelpunkt stehen. Airbus hat mehrfach die Auslieferung seines Großraumjets A380 verschoben - insgesamt schon um zwei Jahre. Boeing musste jüngst den Zeitplan für das neue Langstreckenflugzeug 787 verlängern.

Beide Konzerne tun sich schwer, die Produktion so zu steigern, wie es ihre Auftragsbücher erfordern würden. Zudem steigen die Materialkosten, ohne dass Abhilfe in Sicht wäre. Auf dem alle zwei Jahre stattfindenden Branchentreffen versuchen sie traditionell, sich mit Erfolgsmeldungen und neuen Aufträgen zu übertrumpfen.

Boeing hofft auf Milliarden-Auftrag

Der amerikanische Flugzeughersteller gibt sich trotz der Konjunkturkrise vergleichsweise optimistisch für die nächsten Monate. Boeing meint, dass die Airlines auch trotz fallender Passagierzahlen in neue Flugzeug investieren müssen. Der US-Konzern glaubt, dass ein vergleichsweiser großer Ersatzbedarf bei den Airlines besteht. Außerdem setzt das Unternehmen auf die US-Air Force. Boeing hofft, einen milliardenschweren Luft-Tankerauftrag zu bekommen.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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