Medikamentenpreise

Die Wucher-Methoden der US-Pharmaindustrie

Mit extremen Aufschlägen bei lebenswichtigen Medikamenten sorgte man in den USA für einen Sturm der Entrüstung. Das Problem liegt im ineffizienten und unfairen Gesundheitssystem der weltgrößten Volkswirtschaft.
Martin Shkreli sorgte im vergangenen Jahr für viel Wirbel – und lenkte von den anderen Pharmakonzernen ab. Quelle: Reuters
Provokateur

Martin Shkreli sorgte im vergangenen Jahr für viel Wirbel – und lenkte von den anderen Pharmakonzernen ab.

(Foto: Reuters)

New YorkMit einer Preisanhebung um das 55-Fache bei einem lebenswichtigen Immunschwäche-Medikament wurde Martin Shkreli vor einem Jahr zum Inbegriff der unternehmerischen Raffgier. Die Empörung über den großmäuligen „Pharma-Bad-Boy“ ist noch immer riesig. Doch während Shkreli Politikern und Medien in den USA als Boxsack diente, dürften andere Pharma-Manager aufgeatmet haben. Denn dass sich der Volkszorn auf den 32-jährigen Provokateur richtete, lenkte vom Rest der Branche ab. Nun rücken weitere Konzerne ins Zwielicht.

Shkreli wurde in den USA zum Hassobjekt, nachdem seine Firma Turing Pharmaceuticals das Entzündungs-Medikament Daraprim – das unter anderem Aids-Patienten helfen soll – kaufte und den Preis schlagartig von 13,5 auf 750 Dollar pro Pille anhob. Während das Mittel für viele Patienten unerschwinglich wurde, protzte Shkreli mit seinem Reichtum und hatte für Kritiker nur Hohn und Spott übrig. Doch die Wucher-Methode stellt im US-Pharmageschäft keine Ausnahme dar. Als eigentlichen Skandal empfinden viele Beobachter, dass die Preistreiberei völlig legal ist.

Immer wieder geraten in den USA Arzneimittel-Hersteller in die Kritik, weil sie Medikamente drastisch verteuern. Zuletzt rückte der Pharmakonzern Mylan in den Fokus, der den Preis für die Allergiespritzen EpiPen von 100 auf 600 Dollar angehoben hatte. Wer verstehen will, warum Shkrelis Ex-Firma Turing Pharmaceuticals oder Mylan Medikamente derart drastisch verteuern können, muss hinter die Kulissen des US-Pharmasektors schauen.

Die häufigsten Leiden der Deutschen
Platz 10: Unspezifische Symptome
1 von 10

3,9 Prozent der Berufstätigen ließen sich im ersten Halbjahr 2016 wegen unspezifischer Symptome krankschreiben. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Analyse der DAK-Gesundheit. Insgesamt betrug der Krankenstand in diesem Zeitraum 4,4 Prozent. Im Vergleich zum ersten Halbjahr 2015 ist er damit um 0,3 Prozentpunkte gestiegen.

Platz 9: Kreislaufsystem
2 von 10

4,1 Prozent der Deutschen haben sich wegen Problemen mit dem Kreislauf krankschreiben lassen. Berufstätige in den östlichen Bundesländern waren insgesamt mit einem Krankenstand von 5,5 Prozent häufiger und länger krankgeschrieben als im Vorjahreszeitraum. 2015 waren es noch fünf Prozent. Im Westen ist der Krankenstand mit 4,2 Prozent deutlich niedriger.

Platz 8: Nervensystem, Augen, Ohren
3 von 10

Nervensystem, Augen und Ohren schaffen es auf den achten Platz des Rankings der häufigsten Gründe bei Krankschreibungen. Für die aktuelle Krankenstands-Analyse hat das Berliner IGES Institut die Daten von 2,6 Millionen erwerbstätigen DAK-Versicherten für das erste Halbjahr 2016 ausgewertet.

Platz 7: Neubildungen wie Krebs
4 von 10

4,3 Prozent der Beschäftigten ließen sich im vergangenen Halbjahr aufgrund von Neubildungen wie z.B. Krebs krankschreiben. Die Dauer der Erkrankung lag dabei durchschnittlich bei 32 Tagen.

Platz 6: Infektionen
5 von 10

Zecken übertragen Krankheiten und können so für schlimme Infektionen sorgen. In Deutschland ließen sich 2016 im ersten Halbjahr 4,6 Prozent der Beschäftigten aufgrund von Infektionen krankschreiben.

Platz 5: Verdauungssystem
6 von 10

Übelkeit, Erbrechen, Magen-Darm. 5,1 Prozent der deutschen Beschäftigten ging es im vergangenen Halbjahr im wahrsten Sinne des Wortes zu schlecht, um zu arbeiten.

Platz 4: Verletzungen und Vergiftungen
7 von 10

Den Finger mit der Möhre verwechselt oder Schwiegermutters Pilzsuppe gegessen – 11,6 Prozent der Beschäftigten in Deutschland ließen sich wegen Verletzungen oder Vergiftungen krankschreiben.

Als „Paradebeispiel“ für die Fehlfunktion des US-Gesundheitssystems beschreibt Experte Aaron Carroll Preissprünge wie bei Mylans EpiPen. Der Medizin-Professor von der Indiana University spricht von einem staatlich geförderten „Vorsorge-Albtraum“, bei dem die Regierung den Einsatz teurer Medikamente unterstütze, ohne etwas dafür zu tun, die Kosten zu kontrollieren. „Es gibt wenig Wettbewerb und hohe Hürden, den Markt zu entern, deshalb kann eine Firma den Preis ohne großen Widerstand weiter und weiter erhöhen.“

Turing und Mylan mögen extreme Beispiele sein, doch auch Konkurrenten wie Pfizer, Biogen, Gilead oder Amgen nutzen ihre Preismacht bei exklusiven Medikamenten recht schamlos aus. Während Regierungen in Europa in der Regel die Preise für Arzneimittel kontrollieren, können die Hersteller in den USA verlangen, was sie wollen. Ihr größter Abnehmer ist die staatliche Krankenversicherung für ältere oder behinderte Bürger, Medicare. Sie darf die Preise aber nicht direkt verhandeln. Das übernehmen die privaten Versicherer, allerdings unter strikten Auflagen des Staats.

Das Ergebnis ist ein verworrenes System, bei dem die Preise in der Regel nicht von denen bezahlt werden müssen, die sie auskungeln. Den Pharma-Konzernen, die ihre hohen Forderungen mit gesellschaftlich notwendigen Forschungs- und Entwicklungsausgaben rechtfertigen, spielt das in die Karten. Allerdings erhalten auch viele Patienten Rabatte, so etwa die von Medicaid, dem öffentlichen Gesundheitsprogramm für Arme. Pharma-Manager verteidigen sich deshalb mit dem Argument, die Wucherpreise existierten ja nur auf dem Papier.

Das stimmt jedoch nur bedingt, meint Experte Carroll: „Die Versicherung schützt einige vor den Kosten und erlaubt höhere Preise.“ Doch die bedürftigsten Patienten würden am stärksten von den extrem hohen Auslagen getroffen, die man in den USA in der Regel beim Medikamentenkauf vorstrecken muss. Ob und was die Versicherung letztlich trägt, ist oftmals mit Ungewissheit und langer Wartezeit verbunden. „Die Armen sind diejenigen, die am ehesten verzichten, weil sie sich das nicht leisten können“, so Carroll.

Dass das US-Gesundheitssystem dringenden Reformbedarf hat, daran gibt es kaum Zweifel. Die dubiose Preismacht der Pharma-Hersteller ist dabei eine große Baustelle, da sind sich ausnahmsweise sogar die Präsidentschaftskandidaten Hillary Clinton und Donald Trump einig. Obwohl das Land mit Abstand die höchsten Gesundheitsausgaben pro Kopf hat, schneidet es im internationalen Vergleich schlecht ab. Im Ranking der Weltgesundheitsorganisation WHO landete es abgeschlagen auf Rang 37 – zwei Plätze vor Cuba und einen hinter Costa Rica.

  • dpa
Startseite

Mehr zu: Medikamentenpreise - Die Wucher-Methoden der US-Pharmaindustrie

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%