Medikamententest
Zwei Patienten sind noch ohne Bewußtsein

Rund eine Woche nach dem dramatischen Ausgang eines Medikamententests in Großbritannien befinden sich zwei der sechs erkrankten Männer weiter in einem kritischen Zustand.

HB LONDON. „Obwohl es seit vergangenem Freitag erste Anzeichen einer Besserung gibt, ist es für eine Prognose noch zu früh“, sagte der behandelnde Arzt, Ganesh Suntharalingam, am Sonntag. Der Gesundheitszustand der beiden sei weiterhin „sehr ernst und komplex“. Das deutsche Pharmaunternehmen TeGenero, das die Versuche in Auftrag gab, suchte weiter nach einer Erklärung. Der Grund für die Symptome sei unbekannt, teilte TeGenero am Samstag mit. Die Fehlersuche werde noch einige Zeit dauern.

Die vier anderen Testpersonen, die nach der Einnahme des Wirkstoffs der Würzburger Firma erkrankten, hatten am Freitag das Bewusstsein wiedererlangt. Sie können sich inzwischen mit Angehörigen unterhalten. Der Fortschritt der vier Patienten sei „ermutigend“, sagte Suntharalingam. Alle sechs Männer würden weiter mit entzündungshemmenden Medikamenten behandelt.

Der getestete Wirkstoff, der in das Immunsystem eingreift, wird nach Angaben von Experten noch längere Zeit im Blut der Versuchspersonen bleiben. Deshalb seien die gesundheitlichen Folgen für die sechs Kranken noch nicht absehbar. Normalerweise dauere es bei Wirkstoffen vergleichbarer Art 14 bis 21 Tage, bis etwa die Hälfte der Substanz vom Körper abgebaut sei. Das sagte David Glover, der frühere medizinische Direktor der Cambridge Antikörper- Technologie-Abteilung der Zeitung „The Times“. Manchmal sei ein solcher Stoff sogar noch neun Monate nach der Verabreichung im Blut nachweisbar.

Die Risiken des in London getesteten Medikaments waren nach Informationen der „Rheinischen Post“ unter Experten nicht ganz unbekannt. Schon im Jahr 2002 habe eine wissenschaftliche Studie gewarnt, dass bei Eingriffen in das Immunsystem, wie sie das Test- Medikament bewirkt, auch das körpereigene Gewebe angegriffen werden könne, berichtete die Zeitung am Samstag.

Trotz der Folgen des Medikamententests hat sich nach Angaben des britischen Rats für Medizinische Forschung in den vergangenen Tagen eine Rekordzahl von Interessenten gemeldet, die an Medizinversuchen teilnehmen wollen. Viele erkundigten sich zunächst nach der Bezahlung. Bei den Betreibern der Webseite „Entertrials“, bei der sich Freiwillige für klinische Tests registrieren lassen können, hätten sich drei Mal mehr Interessenten gemeldet als vor den Berichten über die Tests.

„Die Öffentlichkeit hat verstanden, dass dieser Vorfall einzigartig ist und ernsthafte Nebenwirkungen bei Medikamententests äußerst selten sind“, sagte Steve Lawrence von der Firma Biotrax, die Testpersonen berät, dem britischen Sender BBC. Die Industrie hatte zunächst mit einem starken Rückgang der Zahl freiwilliger Testpersonen gerechnet.

Die Ärzte rätseln noch immer, was die starke allergische Reaktion bei den sechs 18 bis 40 Jahre alten Männern ausgelöst hatte. Die Staatsanwaltschaft Würzburg leitete ein Vorprüfungsverfahren gegen die Pharmafirma TeGenero ein.

Die Testpersonen hatten an klinischen Versuchen mit der Substanz TGN1412, einem neuen Wirkstoff zur Behandlung schwerer Krankheiten wie Leukämie, rheumatoider Arthritis und Multipler Sklerose, teilgenommen. Als Folge erlitten sie schwere Entzündungen. Sie hatten sich für 2000 Pfund (2880 Euro) für die Erprobung der Substanz zur Verfügung gestellt, die bei Tierversuchen an Kaninchen und Affen laut TeGenero keine Gegenreaktionen ausgelöst hatte. „Die Untersuchungen an Tieren zeigten keine wirkstoffspezifischen Nebenwirkungen oder etwa Todesfälle“, erklärte die Firma.

Die deutschen Forscher hatten gehofft, mit der neu entwickelten Antikörper-Substanz die so genannten T-Zellen des Abwehrsystems beeinflussen zu können, um ein zu schwaches oder überaktives Immunsystem ins Gleichgewicht zu bringen.

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