Mehr Effizienz
Bei Energie nicht so sehr an Wunder glauben

Jede technische Innovation nährt die Hoffnung, damit könne das Energie- und Klimaproblem besser gelöst werden. Doch diese Hoffnung ist trügerisch.

So kontrovers die Energiedebatte auch ist, auf eines können sich alle verständigen: Eine höhere Energieeffizienz hilft uns aus der Patsche. Leistungsfähigere Geräte senken den Strombedarf, sparsame Motoren verbrauchen weniger Benzin: Wir lösen zumindest einen Teil des Energieproblems, ohne uns einschränken zu müssen. Energieeffizienz ist wie die wunderbare Brotvermehrung aus der Bibel: Aus weniger mach mehr.

Dumm ist nur, dass diese Erwartung schon vor 146 Jahren als Wunderglaube entlarvt wurde. Damals veröffentlichte der britische Ökonom William Stanley Jevons sein Buch "The Coal Question". Angesichts des Erfolgs der industriellen Revolution fürchteten die Briten im 19. Jahrhundert, ihre Kohlevorräte könnten schneller als erwartet zur Neige gehen und damit ihrem Wohlstand ein Ende setzen. Doch dann kamen neue Hochöfen mit geringerem Kohleverbrauch auf, und die Erwartung war geboren, die höhere Energieeffizienz werde die natürlichen Ressourcen schonen.

Jevons wies in seinem Buch nach, dass diese Hoffnung illusionär war: "Es ist eine völlige Konfusion anzunehmen, die effizientere Nutzung von Brennstoff sei gleichbedeutend mit geringerem Verbrauch. Das genaue Gegenteil ist wahr." Jevons analysierte, dass die effizientere Hüttentechnik den Stahlpreis sinken lässt, was weltweit die Nachfrage anheizt. Im Endeffekt, so seine Schlussfolgerung, "werden neue, effizientere Methoden immer den Verbrauch zunehmen lassen". Die natürlichen Ressourcen werden nicht geschont, sondern noch schneller erschöpft.

Das "Jevons-Paradox" ist in der Ökonomie wohlbekannt. Den verbreiteten Wunderglauben hat es dennoch nicht zerstören können. Jede technische Innovation nährt wieder unsere frohe Erwartung, damit löse sich das Energie- und Klimaproblem wie von selbst: Der Öko-Kühlschrank sollte den Stromverbrauch bei uns senken, doch mehr und größere Geräte konterkarierten den Effekt. Schon in den 70er-Jahren setzten die USA mit den ersten Normen für Benzinverbrauch auf wirksamere Motoren, um den Ölverbrauch zu senken.

Doch mehr PS, mehr Autos pro Haushalt und höhere individuelle Fahrleistungen bewirkten das Gegenteil. Die Stromsparlampe sollte der Verschwendung von Elektrizität durch Glühbirnen ein Ende bereiten, doch weil es so schön billig ist, lassen wir die Lichter einfach an. Energieexperten kennen keinen einzigen Fall, wo höhere Effizienz allein tatsächlich zu geringerem Verbrauch geführt hat.

Die Konsequenz: Wenn es uns ernst ist mit dem Energiesparen, muss der Preis je Kilowattstunde steigen. Höhere Effizienz hilft dann, den Kostenanstieg zu neutralisieren. Die Alternative sind staatliche Eingriffe - auch das hat Jevons schon herausgefunden. Nur eins hielt er bereits vor anderthalb Jahrhunderten für moralisch verwerflich: Weiterhin "die Ressourcen zu plündern, um den eigenen Wohlstand zu steigern".

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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