Mercedes, BMW und Audi
Keine Freude am Fahren

Mercedes, BMW und Audi setzen voll auf die Schwellenländer. Doch ein Besuch vor Ort zeigt: In Indien tun sich die deutschen Premiumhersteller schwer. Sie müssen um jeden Kunden kämpfen - und mit maroden Straßen.
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BengaluruSrinivas Gupta* verkauft den deutschen Traum. Er trägt einen dunkelblauen Anzug, hellblaues Hemd, dunkelblau-hellblau gestreifte Krawatte. Betont seriös. Gupta ist Autoverkäufer, angestellt bei Sundaram Motors in Bengaluru im Südens Indiens. Er spricht leise, wirkt ein wenig schüchtern. Aber man merkt: Er ist stolz auf das, was er tut. „Jeder träumt davon, einen Mercedes zu fahren“, sagt er. Bei ihm kaufen Politiker, Firmenbosse, Filmgrößen, Cricket-Stars.


Mercedes und die Konkurrenten Audi und BMW setzen voll auf die Schwellenländer. Die Logik dahinter ist einfach: Weil mehr und mehr Menschen zu Wohlstand kommen, kaufen sie auch mehr Autos. „Indien ist einer der wenigen Märkte weltweit, auf dem auch in den kommenden Jahren hohe Steigerungsraten zu erwarten sind“, sagt Rajive Kaul, der Chef der Auto Expo in Delhi. Indien sei ein bedeutender Wachstumsmotor für die internationale Automobilindustrie. Gestern hat die Auto Expo, die einzige internationale Automobilmesse in Indien, ihre Tore für Fachbesucher geöffnet. Rund 1 500 Aussteller aus 24 Ländern sind vertreten. Die deutschen Premiumhersteller sind natürlich mit dabei.


Auf den ersten Blick kann sich ihre Bilanz sehen lassen. Wenn in Indien ein Oberklasse-Wagen verkauft wird, dann kommt er in acht von zehn Fällen von einem deutschen Hersteller. Mercedes, BMW und Audi teilen den Premium-Markt unter sich auf. Andere wie Jaguar mischen zwar mit, haben aber nicht viel zu melden.

Von den drei Deutschen war Mercedes zuerst im Land, seit 1994. Zwei Jahre später kam BMW. Audi startete erst im Jahr 2007, holt seitdem aber schnell auf. Die Ingolstädter wollen sich als junge, sportliche Marke positionieren. Sie bringen ihre Autos in Bollywood-Filmen unter, viele Schauspieler fahren auch privat Audi. „Derzeit ist Audi die begehrlichste Marke bei der jungen indischen Oberschicht", sagt Michael Perschke, Markenchef von Audi in Indien. Nach Angaben der Society of Indian Automobile Manufacturers (SIAM) steigerten Mercedes, BMW und Audi ihren Absatz im Jahr 2010 um jeweils 70 Prozent, im vergangenen Jahr dürfte es ebenfalls ein zweistelliges Wachstum gewesen sein.


Doch vor Ort wird klar: In Wirklichkeit funktioniert die schöne neue Autowelt nicht ganz so einfach, zumindest nicht in Indien.

Sundaram Motors ist so etwas wie eine deutsche Enklave mitten in Indien. Vor dem Tor passen zwei Wachleute auf, dass keine ungebetenen Gäste hereinkommen. Der Lärm von der Straße, das ständige Hupen, es dringt nur gedämpft durch die Scheiben ins Innere. Auf den ersten Blick unterscheidet sich der Showroom nicht groß von einer Filiale in Deutschland. Teile der Inneneinrichtung hat das Unternehmen aus Deutschland hierher verfrachten lassen. Nur eines passt nicht so recht: alles wirkt klein, geradezu beengt. Vier Autos, mehr haben keinen Platz. Und die sind so eng geparkt, dass ein ausgewachsener Mann gerade so herum gehen kann. Gedränge herrscht hier dennoch selten.

Das Autohaus verkauft durchschnittlich 30 Autos im Monat, wie der Verkäufer erzählt. Also eins am Tag. Dazu muss man wissen: Im gesamten Bundesstaat Karnataka gibt es nur diesen einen Händler für die Limousinen mit dem Stern; in einer Gegend, in der mehr als 60 Millionen Menschen leben. Das ist in etwa so, als gäbe es in allen westdeutschen Bundesländern zusammen nur ein einziges Autohaus.

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  • Ungeachtet der durchaus chaotischen Verhältnisse und der schlechten Straßenverhältnisse ist eines allerdings sehr entscheidend für den weiteren Erfolg der deutschen Marken. Dies wird auch im Artikel bereits angeschnitten. Die Inder lieben es ihren Erfolg nach außen zu demonstrieren. Unsere Marken werden als absolute Statussymbole gesehen. Die Marken sind keine Premiumprodukte sondern Luxusprodukte. Der Preis ist in diesem Zusammenhang sogar eher Erfolgsfaktor als Problem. Denn Luxusprodukte müssen begehrlich und teils unnerreichbar bleiben. Das die Inder die Autos aus der Hand reißen, sobald sie sogar ein bisschen erreichbar sind konnte man am X1 sehen, der für den Erfolg von BMW entscheidend war.

  • "Indien ist das nächste China"??

    HIER IRRT HERR ZETSCHE GEWALTIG!
    Nach vielen Reisen in beide Länder sind für mich die Unterschiede offenkundig.
    Indien hat leider verpasst, was in China schon seit langem eingeleitet ist:
    1.Abkehr von einem anachronistischen Privilegien-(Kasten-)-Unwesen.
    2. Weitestgehend Rationalität als Grundlage für politische Entscheidungen
    3. Ein weitgehend einheitlicher Nationalstaat
    4. Abwesenheit kolonialer Attitüden (in Indien: Rudimente eines britischen Beamtensystems, das sich das Land nicht erlauben kann)
    5. Ordnung statt Chaos
    und vor allem:
    6. eine vielleicht als unmenschlich empfundene aber dennoch funktionierende Geburtenkontrolle, die verhindert, das jedes wirtschaftliche Wachstum sofort durch Bevölkerungswachstum zunichte gemacht wird.

    Vielleicht sollte Herr Zeschke einmal incognito in beiden Länder reisen, um diese Erfahrungen selbst zu sammeln.


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