Militärprogramme versprechen gutes Geschäft, doch die zivile Nachfrage bleibt schwach
Europas Raumfahrt erwartet Ende der langen Durststrecke

„Raumfahrt lohnt sich!“, steht in dicken Lettern unter Imageanzeigen des Unternehmens EADS-Astrium.

DÜSSELDORF. Ob Erdbeobachtung, präzise Wettervorhersagen, Katastrophenschutz oder hoch auflösende Radarbilder aus dem All – die Tochter des europäischen Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS liefert eine Fülle von Informationen, die für Telekommunikation, Verkehr oder Landwirtschaft von kommerziellem Nutzen sind. Und für das Militär. Allein mit der eigenen Profitabilität hapert es noch – nicht nur bei EADS-Astrium, sondern in der gesamten Raumfahrtbranche.

Bei EADS ist ein Stellenabbau in der Raumfahrtsparte bereits im Gange. Nach Firmenangaben sollen bei EADS Space europaweit 3 300 der insgesamt 13 500 Stellen abgebaut werden; darunter 420 bei EADS-Astrium und 542 im Bereich Space Transportation (Ariane). Martina Jung, Analystin beim Bankhaus Metzler, rechnet damit, dass EADS für das zweite Quartal 2003 rund 150 Mill. Euro an Restrukturierungskosten verbuchen wird. „Die präzisen Sparvorgaben sollten greifen und 2004 wieder schwarze Zahlen in der Raumfahrt bringen“, sagt sie.

In den vergangenen beiden Jahren hat die EADS-Konzernsparte Verluste von rund 500 Mill. $ angehäuft. Das Ziel, den Problembereich nächstes Jahr wieder in die Gewinnzone zu führen, sei „ambitioniert, aber erreichbar“, sagt Wilfried Becker, Analyst beim Bankhaus Sal. Oppenheim. Allerdings bleibe der Markt schwierig, weshalb der interne Druck zum weiteren Verschlanken bestehen bleibe.

Einen Lichtblick bieten militärische Programme. Als Javier Solana, der EU-Beauftragte für Außen- und Sicherheitspolitik, kürzlich auflistete, was eine EU-Eingreiftruppe benötige, standen „weltraumgestützte Sicherheitskomponenten“ oben auf der Liste. „Bei den US-Streitkräften läuft ohne Satellitenkommunikation gar nichts mehr“, sagt Ben Moores, Analyst bei Frost & Sullivan. Doch obwohl die Europäer nachziehen wollen, es bleibt das Problem der knappen Kassen.

Abhilfe verspricht ein neues Geschäftsmodell, das EADS beim voraussichtlichen Verkauf des Kommunikationssystems Skynet 5 an die britische Armee im August einsetzt. EADS baut die Satelliten, schießt sie in den Orbit und verwaltet das System. Der Kunde kauft am Ende nur die Kommunikationskapazitäten – als Service. „Das ist eine Revolution“, heißt es in Unternehmenskreisen. In den kommenden 16 Jahren soll der Betrieb dem Konzern rund 3 Mrd. Euro bringen.

Weitere europäische Militärprojekte versprechen Geschäfte für die Raumfahrtindustrie: Deutschland und Frankreich arbeiten an einer Verbindung ihrer Aufklärungssysteme SAR-Lupe und Helios. Das europäische Navigationssystem Galileo ist auf dem Weg. Branchenkreise rechnen damit, dass es künftig auch militärische Anwendungen haben kann. Frankreich mache dahingehend Druck. Die Projekte treiben die Umsätze der Industrie zwar nicht in große Höhen, aber ohne die Fähigkeit, satellitengestützte Systeme anzubieten, könne in Zukunft keiner der großen Rüstungskonzerne bestehen, sagt ein Experte.

Frankreich will zudem die Konsolidierung der Branche weiter voran treiben und setzt sich offen für eine Fusion der Raumfahrtsparten von EADS und Alcatel ein. Branchenkreise rechnen jedoch nicht so bald damit. EADS möchte bei einem Zusammenschluss das Sagen haben und muss zuvor noch seine defizitäre Sparte sanieren. Außerdem gibt es nur noch so wenige Anbieter, dass die Unternehmen den Einspruch ihrer wichtigsten Kunden, der Regierungen, fürchten

.

Insgesamt kämpft der hoch spezialisierte Industriezweig aber mit riesigen Überkapazitäten, seit die Telekombranche kaum noch Aufträge an Ariane, Astrium & Co. vergibt. Jüngstes Indiz für den Nachfrageeinbruch: Die Pleite des US-Konzerns Loral Space & Communications. Der Satellitenhersteller und -betreiber führt sein Geschäft derzeit unter dem Gläubigerschutz des US-Konkursrechts (Chapter 11) weiter. Auch beim weltgrößten Luft- und Raumfahrtkonzern Boeing will man nichts beschönigen: „Ich sehe keine neuen Märkte für Satelliten bei Fernsehen oder Internet“, sagte Jim Albaugh, Chef der Boeing- Sparte Integrated Systems. Wegen der Schwäche des zivilen Raumfahrtgeschäfts hat Boeing im zweiten Quartal 2003 eine Sonderbelastung von 1,1 Mrd. $ vor Steuern verbucht – Entlassungen von Personal nicht ausgeschlossen.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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