Milliarden-Tausch mit Sanofi

Boehringer steht vor größtem Zukauf der Firmengeschichte

Boehringer Ingelheim plant den großen Wurf: Der familiengeführte Pharmakonzern will die lukrative Tierarznei-Sparte des Konkurrenten Sanofi kaufen. Im Gegenzug geben die Rheinhessen Thomapyrin und Mucosolvan ab.
Update: 15.12.2015 - 11:34 Uhr
Das deutsche Pharmaunternehmen stößt in neue Dimensionen vor. Quelle: dpa
Labor von Boehringer

Das deutsche Pharmaunternehmen stößt in neue Dimensionen vor.

(Foto: dpa)

Paris/IngelheimDeutschlands zweitgrößter Pharmakonzern Boehringer Ingelheim steht vor dem größten Zukauf seiner Geschichte. Das familiengeführte Unternehmen aus Ingelheim am Rhein greift nach dem milliardenschweren Tierarznei-Geschäft des französischen Pharmakonzerns Sanofi. Dafür will Boehringer sein Geschäft mit rezeptfreien Arzneien und Gesundheitspräparaten an die Franzosen abgeben. Weil diese Sparte aber weniger wert ist, würde Boehringer noch zusätzlich rund 4,7 Milliarden Euro an Sanofi zahlen, wie beide Unternehmen am Dienstag mitteilten.

„Unser gemeinsames Geschäft für Tiergesundheit wäre für weiteres Wachstum hervorragend aufgestellt – damit würde ein weltweit führendes Unternehmen entstehen", erklärte Boehringer-Chef Andreas Barner, der im kommenden Sommer nach 24-jähriger Tätigkeit für das Unternehmen in den Ruhestand geht. Durch den Zusammenschluss von Boehringer und der Sanofi-Sparte Merial entstünde nach dem US-Konzern Zoetis der zweitgrößte Anbieter im Markt für Tiergesundheit mit einem Umsatz von rund 3,8 Milliarden Euro.

Abschließende Verträge sollen in den kommenden Monaten nach Gesprächen mit den Sozialpartnern unterzeichnet werden. Beide Unternehmen wollen den Tausch im vierten Quartal 2016 abschließen. Die Kartellbehörden müssen aber noch zustimmen. 2017 werde die Transaktion voraussichtlich noch keinen Einfluss auf den Gewinn je Aktie haben, teilte Sanofi mit. Danach werde der Deal diese Kennzahl aber steigern.

Merial wird mit 11,4 Milliarden Euro bewertet, die Selbstmedikations-Sparte (CHC) von Boehringer, also das Geschäft mit rezeptfreien Medikamenten, kommt auf einen Wert von 6,7 Milliarden Euro. Dazu gehören Mittel wie die Kopfschmerztabletten Thomapyrin, der Hustensaft Mucosolvan und das Bauchschmerzmittel Buscopan. Das CHC-Geschäft in China soll von der Transaktion ausgeschlossen bleiben.

Boehringer hatte sein Tiermedizin-Geschäft schon 2009 mit der Übernahme von Teilen des US-Tiergesundheitsspezialisten Fort Dodge gestärkt. Details zu der Transaktion wurden nie genannt, das Volumen war aber deutlich geringer als der nun geplante Zukauf. Eine Finanzierung des Deals dürfte für Boehringer kein Problem sein: Der 1885 gegründete Konzern hat laut Geschäftsbericht rund 8,5 Milliarden Euro auf der hohen Kante.

Die Tiermedizin gilt als lukratives Feld, da in den Industrieländern viel Geld für Haustiere ausgegeben wird und durch den Wandel der Ernährungsgewohnheiten die Nutztierhaltung in den Schwellenländern zunimmt. Außerdem ist der Tiermedizin-Markt im Gegensatz zur Hausmedizin nicht staatlich geregelt.

Die größten Deals in der Pharma-Branche
Platz 9 – Roche für Genentech – 47 Milliarden Dollar (2008)
1 von 9

Das Schweizer Pharmaunternehmen Hoffmann-La Roche sicherte sich 2008 für 46,7 Milliarden Dollar die amerikanische Biotech-Firma Genentech. Die Übernahme gilt als Glückgriff, da Roche als weltweit führender Produzent von Krebsmedikamenten von der Genforschung Genentechs profitiert. Roches bekanntes Vogelgrippe-Medikament Tamiflu (hier im Bild) hingegen stand mehrfach in der Kritik. Der Schweizer Konzern soll Studien zur Wirksamkeit des Medikaments manipuliert haben.

Platz 8 – Pfizer für Pharmacia – 61 Milliarden Dollar (2002)
2 von 9

Pfizer zum Ersten: 60,7 Milliarden Dollar in Aktien ließ sich der US-Pharmakonzern im Jahr 2002 die Übernahme des schwedischen Unternehmens Pharmacia kosten. Da nach der Fusion das Haarwuchsmittel Rogaine und die Potenzpille Viagra von einem Unternehmen hergestellt wurden, scherzte der damalige Pfizer-Chef Hank McKinnell (l.): „Rogaine und Viagra zusammen, was kann sich ein Mann mehr wünschen“.

Platz 7 – Pfizer für Wyeth – 65 Milliarden Euro (2009)
3 von 9

Pfizer zum Zweiten: Rund 64,5 Milliarden Dollar bezahlten die New Yorker für Wyeth, das zum Zeitpunkt des Kaufs ebenfalls zu den zehn größten Pharmaunternehmen der Welt zählte. Mit der Übernahme baute Pfizer sein Portfolio aus, vor allem in Richtung Impfstoffe und Biotechnologie.

Platz 6 – Sanofi für Aventis – 65,6 Milliarden Dollar (2004)
4 von 9

Nur auf dem Papier eine Fusion unter Gleichen: Für gut 65,6 Milliarden Dollar übernimmt der französische Pharmakonzern Sanofi-Synthélabo das deutsch-französische Unternehmen Aventis. Es entsteht Sanofi-Aventis, der größte Medizinhersteller Europas. Die Fusion gilt als kurios, da Sanofi-Synthélabo vor der Übernahme deutlich kleiner als Aventis war. Später legte der Konzern mit Sitz in Paris den Beinamen Aventis wieder ab. Sanofi ist heute Weltmarktführer für Impfstoffe.

Platz 5 – Actavis für Allergan – 66 Milliarden Dollar (2014)
5 von 9

Lange hatte sich der Botox-Hersteller Allergan gegen eine Übernahme durch den kanadischen Wettbewerber Valeant gewehrt. Dann schlug die Stunde von Actavis: Der amerikanische Branchenriese und Allergan einigten sich auf den Deal. Allergan wehrte dadurch die feindliche Übernahme durch Valeant ab. Für Actavis war der Zukauf ein Kraftakt, der Konzern war selbst kaum größer als sein Übernahmeziel.

Platz 4 – Abbott Laboratories spaltet sich auf – 67 Milliarden Dollar (2011)
6 von 9

Das amerikanische Pharmaunternehmen Abbott Laboratories spaltete rund 66,6 Milliarden Dollar seines Kapitals in Aktien ab und lagert es zunächst in eine Tochtergesellschaft aus. Die Medizintechnik und Generikaproduktion wurde unter dem Namen „Abbott“ weitergeführt, die Sparten Spezialmedikamente und Biotechnologie hingegen unter dem neuen Namen „AbbVie“ ausgegliedert. Auch Abbotts Flaggschiff, das Arthritis-Medikament Humira, ging auf die neue Gesellschaft über. Im Januar 2013 wurde AbbVie schließlich komplett in die Unabhängigkeit entlassen und wird seitdem an der Wall Street unter dem Kürzel „ABBV“ gelistet.

Platz 3 – American Home Products für Warner-Lambert I – 76 Milliarden Dollar (1999)
7 von 9

Rund 75,5 Milliarden Dollar betrug das Volumen bei der freundlichen Übernahme des amerikanischen Hygienekonzerns Warner-Lambert durch American Home Products (AHP). Dem Hygienekonzern gehörten seinerzeit unter anderem die Marken Wilkinson Sword und Listerine. Doch AHP überhob sich: Als der Deal schon als perfekt galt, betrat US-Branchenriese Pfizer die Bühne. Er unterbreitete den Aktionären von Warner-Lambert seinerseits ein feindliches Übernahmeangebot – und erhielt den Zuschlag. Eine Strafzahlung von 1,8 Milliarden Dollar von Pfizer versüßte AHP die Niederlage aber zumindest etwas.

Auch für Sanofi zahlt sich der Spartentausch aus: Die Franzosen würden nach eigenen Angaben mit einem künftigen Umsatz von gut fünf Milliarden Euro in diesem Jahr und einem globalen Marktanteil von rund 4,6 Prozent auf Platz eins der Anbieter von frei verkäuflichen Arzneimitteln vorrücken und an GlaxoSmithKline und Bayer vorbeiziehen.

Finanzkreisen zufolge hatte Sanofi auch einen Börsengang seiner Tierarznei-Sparte geprüft. Der neue Firmenchef Olivier Brandicourt hatte Anfang November erklärt, sich vorerst auf magere Jahre einzustellen. Mit Investitionen in neue Medikamente will sich das Unternehmen gegen Einbußen im wichtigen Diabetes-Geschäft rüsten.

  • rtr
  • dpa
Startseite

Mehr zu: Milliarden-Tausch mit Sanofi - Boehringer steht vor größtem Zukauf der Firmengeschichte

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%