Milliardenbeträge
Stahlkonzerne sammeln Kraft für die Krise

Die Manager der europäischen Stahlindustrie rüsten sich offenbar für eine länger anhaltene Absatzflaute in der Branche. Ein klares Indiz dafür sind die umfangreichen Bondemissionen und Kapitalerhöhungen in jüngster Zeit. Die Konzerne decken sich mit Liquidität ein, um den drastisch eingebrochenen Mittelzufluss aus dem operativen Geschäft auszugleichen.

DÜSSELDORF. Lakshmi Mittal, Chef des weltgrößten Stahlkonzerns Arcelor-Mittal, erwartet, dass die Branche frühestens 2012 wieder die gleiche Dynamik wie vor der Krise entfaltet.

Deutschlands zweitgrößter Stahlkonzern Salzgitter, der als äußerst solide finanziert gilt, kündigte am Dienstag überraschend eine Wandelanleihe von 300 Mio. Euro an. Erst vor wenigen Tagen hat der Duisburger Stahlhändler Klöckner & Co. eine Kapitalerhöhung über 200 Mio. Euro abgeschlossen. Branchenprimus Arcelor-Mittal hat bereits im Frühjahr die Konzernkasse durch die Ausgabe neuer Aktien um etwa zwei Mrd. Euro aufgefüllt. Insgesamt erhöhten die vier führenden Stahlkonzerne ihr Eigenkapital im laufenden Jahr um 2,3 Mrd. Euro. Obendrein begaben sie Wandel- und Unternehmensanleihen im Gesamtvolumen von mehr als neun Mrd. Euro.

Salzgitter verneinte am Dienstag einen Zusammenhang zwischen der Platzierung der Wandelanleihe und dem angespannten wirtschaftlichen Umfeld. Man wolle die günstigen Möglichkeiten am Kapitalmarkt nutzen, sagte ein Konzensprecher. Schon jetzt sticht Salzgitter mit einer Eigenkapitalquote von 51,4 Prozent die Konkurrenz aus. Zudem verfügt das Unternehmen über ein Nettofinanzguthaben von 1,4 Mrd. Euro. „Selbst wenn es im nächsten Jahr hart auf hart kommt mit der Stahlkonjunktur, hätte Salzgitter die Wandelanleihe nicht gebraucht“, sagte BHF-Analyst Hermann Reith. Der Konzern bestritt außerdem, dass die Wandelanleihe benötigt werde, um eine Anteilserhöhung am größten europäischen Kupferproduzenten Aurubis (früher Norddeutsche Affinerie) zu finanzieren.

Allerdings hatte Großaktionär Salzgitter mehrfach durchblicken lassen, seinen Aurubis-Anteil bei günstiger Gelegenheit von 23 auf bis zu 29,9 Prozent aufzustocken. Über die Grenze von 30 Prozent dürfte der niedersächsische Konzern vorerst ohnehin nicht hinausgehen, heißt es in Finanzkreisen, denn dann müsste Salzgitter den übrigen Aurubis-Aktionären ein Pflichtangebot unterbreiten. Die Börse bewertet Aurubis aktuell mit 1,2 Mrd. Euro.

Der Stahlhändler Klöckner & Co. hat bereits im Juni eine Wandelanleihe begeben. Im September gab das Unternehmen zusätzlich neue Aktien im Wert von 200 Mio. Euro aus. „Wir wollen mit Zukäufen weiter wachsen, aber die Verschuldung nicht mehr so hoch treiben wie vor der Finanzkrise“, sagt Finanzvorstand Gisbert Rühl.

Tatsächlich hat Klöckner seine Finanzschulden inzwischen um eine halbe Milliarde auf nur noch 110 Mio. reduziert. Das sogenannte Gearing, ausgedrückt im Verhältnis von Nettofinanzschulden zu Eigenkapital, sank auf knapp zwölf Prozent. Kritisch wäre in den Augen der Ratingagenturen erst ein Wert von mehr als 100 Prozent. Nach der Kapitalerhöhung verfügt Klöckner rein rechnerisch sogar über ein Nettofinanzguthaben. Die flüssigen Mittel stiegen dadurch auf mehr als 800 Millionen Euro.

Weiter weniger komfortabel ist die Finanzlage bei Thyssen-Krupp. Durch den weltweiten Nachfrageeinbruch in der Stahlindustrie sank die Eigenkapitalquote bereits von 27,6 auf 22,7 Prozent und liegt damit deutlich unter dem Wert der Konkurrenz. Die Verschuldungsquote betrug Ende Juni 34,6 Prozent, Pensionsrückstellungen von mehr als sieben Mrd. Euro sind dabei ausgeklammert.

Finanzvorstand Alan Hippe muss derzeit darum zittern, dass die Bonitätsnote seines Konzerns nicht auf Ramschniveau abrutscht. Der Weg für eine Kapitalerhöhung, die die Bilanz des Ruhrkonzerns aufpolieren würde, ist jedoch verbaut. Die Krupp-Stiftung will auf keinen Fall ihren 25-Prozent-Anteil verwässern, sie verfügt jedoch nicht über die Mittel, um bei einer Kapitalerhöhung mitzuziehen. Anders sieht es beim Großaktionär von Salzgitter aus: Selbst wenn das Land Niedersachen, das derzeit 26,5 Prozent an dem Stahl- und Röhrenkonzern hält, die Wandelanleihe nicht zeichnet, schrumpft der Anteil nicht unter 25 Prozent. Die Sperrminorität ist nicht in Gefahr.

Markus Hennes
Markus Hennes
Handelsblatt / Redakteur
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