Milliardenkosten
Europas Stahlindustrie gerät in Bedrängnis

Steigende Exporte aus China und höhere Klimaschutz-Auflagen der EU setzen der Stahlbranche zu. Allein auf die deutschen Hütten könnten Mehrkosten von bis zu einer Milliarde Euro pro Jahr zukommen.
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BrüsselRobrecht Himpe kann so leicht nichts mehr erschüttern. Seit über 30 Jahren verfolgt der Stahlmanager das Auf und Ab seiner Branche. Doch was der Technologievorstand des weltgrößten Stahlkonzerns Arcelor Mittal derzeit erlebt, bereitet ihm große Sorge.

Eine stagnierende Nachfrage, steigende Exporte aus China, Überkapazitäten – und dann noch die EU. „Wir haben schon viele schwierige Situationen bewältigt“, sagt Himpe, der seit einem Jahr an der Spitze des europäischen Stahlverbandes Eurofer steht. „Wenn die Klimaschutzpläne der EU-Kommission wirklich so umgesetzt werden, kann das für die Stahlindustrie lebensbedrohlich werden.“

Was Himpe und die Branche so umtreibt, ist der Beschluss der Kommission, über eine Reduzierung der Zertifikate im Emissionshandel ab 2019 den Preis für eine Tonne CO2 deutlich anzuheben. Dieser war seit 2008 deutlich unter die Marke von zehn Euro gerutscht – ein zu geringer Anreiz nach Ansicht Brüssels, um in die CO2-Reduzierung zu investieren.

Die Stahlindustrie befürchtet nun deutliche Mehrbelastungen. Allein auf die deutschen Hütten kämen nach Berechnungen der Wirtschaftsvereinigung Stahl bei steigenden Zertifikatspreisen und und höheren Strompreisen jährliche Mehrkosten von bis zu einer Milliarde Euro zu. Für Himpe untragbar: „Die Profitabilität der Branche ist seit der Krise 2008 ohnehin unter Druck. Jede zusätzliche Belastung würde die Unternehmen hart treffen.“ Sollten die Hütten künftig jedes zweite Zertifikat bei einem Preis von 40 Euro neu zukaufen müssen, würde das die Tonne Stahl um den gleichen Betrag verteuern – Europas Stahlbranche wäre nicht mehr wettbewerbsfähig, sagt Himpe. „Die Mehrkosten sind höher als der derzeitige operative Gewinn. Die Unternehmen würden bei jeder Tonne rote Zahlen schreiben.“

Die Stahlbranche will nun zumindest erreichen, dass die zehn Prozent der energieeffizientesten Hütten kostenfreie Zertifikate erhalten – um auch für den Rest einen Anreiz zu setzen, den Ausstoß des Klimagases CO2 weiter zu reduzieren. „Es muss möglich sein, dass sie sich weiter verbessern können“, sagt Himpe. Derzeit seien die Klimaziele so hochgesteckt, dass kein Hersteller der Welt sie erreichen könne.

Neben den Klimazielen der EU setzen der Branche derzeit aber vor allem die stark steigenden Exporte aus China zu. Das Reich das Mitte hält seine Investitionen in den Ausbau und die Modernisierung seiner Stahlindustrie weiter hoch. Gleichzeitig ist 2014 erstmals seit langem weniger Stahl in China selbst nachgefragt worden.

Die Konsequenz: massive Exporte in die USA und nach Europa. Allein dort haben die Ausfuhren im vergangenen Jahr um 50 Prozent zugelegt – stark getrieben über günstige Preise, die sich die EU seitdem vornimmt.

Fast im Wochentakt werden Untersuchungen wegen Anti-Dumping begonnen, zuletzt wurden mehrere Stahlprodukte vor allem aus China mit Strafzöllen belegt. Himpe fordert nun von der Kommission, diese Verfahren zu beschleunigen. „Der Schutz der europäischen Industrie ist nicht so effektiv wie in den USA.“

Dort, so klagte auch der Vorstandschef von Thyssen-Krupp, Andreas Goss, würden Anti-Dumping-Verfahren in der Hälfte der Zeit abgewickelt.

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