Milliardenübernahme
Celgene kauft GPC-Partner Pharmion

Das amerikanische Biotechunternehmen Celgene will den kleineren Konkurrenten Pharmion für 2,9 Milliarden Dollar übernehmen und hat damit die größte Übernahme innerhalb des Biotechsektors seit mehr als einem Jahr angekündigt.

HB DÜSSELDORF. Pharmion ist Entwicklungspartner der Münchner GPC Biotech in Europa für das Medikament Satraplatin. Das Interesse von Celgene dürfte sich allerdings kaum auf Satraplatin richten, das vor kurzem in klinischen Tests versagte und kaum Chancen auf eine Zulassung hat, sondern auf andere Produkte und Entwicklungsprojekte von Pharmion. Dazu gehört insbesondere der Wirkstoff Vidaza, ein Mittel gegen Vorstufen bestimmter Leukämien, das vor kurzem mit sehr guten klinischen Testdaten für Aufsehen gesorgt hat. Außerdem fungiert Pharmion bereits als Vertriebspartner von Celgene für das Krebsmedikament Thalomid in Europa. Die Transaktion untermauert damit den Ehrgeiz von Celgene, sich als ein führender Spezialist für bestimmte Krebsmedikamente zu positionieren.

Schon in den letzten Jahren gehörte das Unternehmen mit dieser Strategie zu den großen Aufsteigern der biopharmazeutischen Industrie, das heißt unter den Biotechfirmen, die sich zu eigenständigen Pharmafirmen wandelten. So konnte Celgene seit Anfang 2002 den Umsatz um mehr als das Fünffache auf knapp 900 Mill. Dollar und den Börsenwert um den Faktor zwölf auf derzeit rund 25 Mrd. Dollar steigern. Das Unternehmen gilt damit als Nummer vier der US-Biotechbranche nach Genentech, Amgen und Gilead.

Die Grundlage dazu lieferte allerdings kein ein typisches Biotech-Medikament, sondern interessanterweise der Wirkstoff Thalidomid, der einst als Wirksubstanz von Contergan für den größten Skandal der Pharmabranche sorgte. Unter dem Namen Thalomid erlebte die Substanz ab Ende der 90er-Jahre eine Renaissance, zunächst als Mittel gegen Lepra, später auch als Wirkstoff gegen eine bestimmte Form von Blutkrebs, das so genannte Multiple Myelom. An dieser zweithäufigsten Art von Blutkrebs, bei der sich bestimmte Zellen der Immunabwehr unkontrolliert vermehren, erkranken jährlich weltweit mehr als 70 000 Menschen.

Thalomid erzielte 2006 rund 432 Mill. Dollar Umsatz, wurde inzwischen aber bereits von dem Nachfolge-Produkt Revlimid überrundet, das 2006 die erste Zulassung erhielt. Mit der Neuentwicklung Vidaza von Pharmion kann Celgene das eigene Programm mit einem Mittel ergänzen, das voraussichtlich in einem eng verwandten Bereich eingesetzt und von den gleichen Ärzten und Kliniken verordnet wird. Es bieten sich insofern erhebliche Synergien im Vertrieb. Gemessen an den finanziellen Konditionen handelt es sich dennoch – ähnlich wie zuletzt etwa die Übernahme von Medimmune durch Astra -Zeneca – um eine typische "strategische“ Akquisition, deren Preise weit über gängige Konditionen im M&A-Geschäft hinausgehen. Immerhin zahlt Celgene mehr als das Zehnfache des Umsatzes für ein Unternehmen, das noch mit operativen Verlusten arbeitet und selbst vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, also auf Ebitda-Ebene, zuletzt noch negative Zahlen ausgewiesen hat. In den ersten neun Monaten verbuchte Pharmion bei 195 Mill. Dollar Umsatz einen Betriebsverlust von 38 Mill. Dollar. Bei der Übernahme von etablierten Pharmaunternehmen waren zuletzt Preise üblich, die sich etwa beim Drei- bis Fünffachen des Umsatzes und maximal dem 20-fachen Ebitda bewegten.

Gemessen am letzten Börsenkurs von Pharmion bietet Celgene mit 72 Dollar je Aktie einen Aufschlag von fast 50 Prozent. Dabei hatte sich die Pharmion-Aktie in den Wochen zuvor bereits in relativ starker Verfassung gezeigt und unter dem Rückschlag bei Satraplatin praktisch nicht gelitten. Denn anders als der Partner GPC, der in den vergangenen Monaten mehr als drei Viertel seines Werts verlor, steht Pharmion auf einer deutlich breiteren Produktbasis. Vidaza ist in den USA bereits zugelassen und dürfte auch in Europa keine Probleme mit einer Genehmigung haben. Darüber hinaus befinden sich vier weitere Substanzen in den klinischen Testphasen.

Die geplante Übernahme bestätigt unterdessen, dass auch innerhalb der Biotechbranche die Konsolidierung weitergeht. Zuletzt hatten das unter anderem Qiagen mit dem Kauf von Digene, Amgen mit dem Kauf von Ilypsa oder Evotec mit der Kauf von Renovis gezeigt. Allerdings standen diese Transaktionen eher im Schatten von Biotech-Übernahmen durch große Pharmakonzerne, so etwa die 15 Mrd. Dollar teure Übernahme von Medimmune durch Astra -Zeneca. Mit Biogen -Idec hat sich vor kurzem ein weiteres wichtiges Biotechunternehmen zum Verkauf gestellt. Es dürfte ebenfalls bei einem etablierten Pharmahersteller landen.

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