Milliardenverlust droht
Autobauer fürchten um Ersatzteilprofit

Deutschen Autoherstellern droht der Verlust ihres Ersatzteilmonopols: Die EU-Kommission plant eine weitere Liberalisierung des Marktes. Gut für die Kunden, die sich dank wachsender Konkurrenz über sinkende Preise freuen dürfen. Doch noch versuchen die Autobauer, das gewinnträchtige Geschäft durch politische Lobbyarbeit zu retten.

DÜSSELDORF. Die Autohersteller müssen um Teile ihres Gewinnes fürchten, sobald der Designschutz für ihre sichtbaren Original-Ersatzteile in der Europäischen Union fällt. Setzt sich die EU-Kommission mit der vorgesehenen weiteren Liberalisierung des Marktes durch, bricht ihnen jährlich ein Profit von mindestens einer Milliarde Euro weg. Zu diesem Ergebnis kommt das Beratungsunternehmen Deloitte in einer noch unveröffentlichten Studie, die dem Handelsblatt vorliegt.

Von einem freigegebenen Ersatzgeschäft mit Karosserieteilen, Scheinwerfern und Scheiben profitieren dagegen Zulieferer und unabhängige Hersteller. Ihr Umsatz soll laut Deloitte europaweit um rund die Hälfte zulegen. Ihr Gewinn soll um mehr als ein Drittel steigen, das entspricht mehr als 1,3 Milliarden Euro. Ebenfalls profitieren werden die Kunden: Sie dürfen sich dank wachsender Konkurrenz und eines steigenden Marktvolumens über sinkende Preise freuen.

Wann die im vergangenen Jahr beschlossene europaweite Liberalisierung kommt, ist noch unklar. „Zurzeit haben wir in Europa eine uneinheitliche Situation. In Deutschland, Frankreich oder Dänemark besteht ein Geschmacksmusterschutz für sichtbare Ersatzteile, während der Markt in Großbritannien, Belgien und Italien schon weitgehend liberalisiert ist“, sagte Automobilexperte und Deloitte-Partner Martin Hölz. „Das Europäische Parlament verlangt aber eine verbindliche EU-weite Regelung, die zu mehr Wettbewerb führen wird.“

Zwar machen BMW, Daimler, Volkswagen und Co. laut der Studie nur etwa fünf Prozent ihres Umsatzes mit Ersatzteilen – das Geschäft mache aber rund die Hälfte ihres Gewinnes aus, erläutert Deloitte-Partner Enrik Schiller. Vehement versuchen vor allem die deutschen und französischen Autobauer, das gewinnträchtige Geschäft durch politische Lobbyarbeit zu retten. Dabei haben sie starke Verbündete, allen voran Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Die CDU-Politikerin sicherte der Autoindustrie vergangene Woche bei einem Besuch von Ford Europa in Köln den Einsatz der Bundesregierung für einen Fortbestand des Designschutzes zu. Politische Beobachter in Brüssel sind allerdings skeptisch, ob die Bastion auf Dauer hält. „Die Kommission muss einen einheitlichen Binnenmarkt schaffen. Es ist aber kaum vorstellbar, dass etwa in Großbritannien der Designschutz erneut eingeführt wird“, sagte ein Industrielobbyist.

Entsprechend bereiten sich die Autobauer auf den Fall ihres Ersatzeilmonopols vor. „Ohne entsprechende Kundenbindungsmaßnahmen werden Automobilhersteller im Ersatzteilgeschäft massiv Marktanteile verlieren“, sagte Hölz. Europas größter Autohersteller Volkswagen baut sein Werkstattangebot bereits um. „Vor allem Kunden, deren Autos einige Jahre alt sind, müssen wir anders ansprechen als bisher“, sagte Volkswagens-Vertriebschef Detlef Wittig dem Handelsblatt. „Wir überlegen, ob wir mit der autorisierten Organisation ein limitiertes Paketprogramm anbieten können, das eine Sonderkalkulation von Lohn und Teilepreisen auf dem Niveau von ATU möglich macht. Alternativ müssen wir in andere Betriebsformen gehen“, kündigte der VW-Manager Wittig an.

Mark C. Schneider
Mark C. Schneider
Handelsblatt / Redakteur
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