Mischkonzern
„Siemens kann sein Gewinnziel nicht erreichen“

Für Siemens brechen aufregende Tage an: Am Montagabend entscheidet der Aufsichtsrat über die Zukunft in der Kernernegie-Sparte. Mit dem französischen Partner Areva wird es wohl nicht weitergehen. Dafür ist ein rusischer Partner im Gespräch. Am Dienstagmorgen legt Siemens Quartalszahlen vor. Siemens-Kenner Frank Rothauge von Sal. Oppenheim über die Krisentauglichkeit des Konzerns.

Herr Rothauge, warum trennen sich die Wege von Areva und Siemens?

Das ist eindeutig eine Entscheidung der Franzosen. Sie wollen Siemens nicht mehr dabei haben, weil sie die Hilfe aus Deutschland offenbar nicht mehr brauchen. Areva hat andere Optionen, also trennt man sich.

Sollte sich Siemens jetzt nicht aus dem Bereich Kernenergie zurückziehen?

Vielleicht werden wir in einigen Jahren sagen: Das wäre die klügere Entscheidung gewesen. Alleine kann es Siemens nicht, also braucht es einen Partner. Denn die russischen Partner, die nun im Gespräch sind, bergen auch gewisse Risiken.

Inwiefern?

Zum einen kann man nur schwer einschätzen, wie wettbewerbsfähig der technische Standard der Russen ist. Auf jeden Fall dürften sie hinter Areva deutlich hinerherhinken. Außerdem hat Russland in der Energiepolitik stets seine eigenen Interessen ins Spiel gebracht, noch mehr als die Franzosen.

Welche Vorteile hätte eine Zusammenarbeit mit Siemens für die Russen?

Das wäre einmal für das Image sehr wichtig. Der Ruf der russischen Kernenergie hat durch Tschernobyl bis heute gelitten. Darüberhinaus brauchen die Russen aber auch wettbewerbsfähige Produkte für den konventionellen Teil des Kraftwerks. Außerdem bring Siemens ein global einmalige Vertriebsnetz in die kooperation ein!

Morgen früh legt Siemens die Zahlen für das abgelaufene Quartal vor. Was erwarten Sie?

Unsere Schätzung ist über denen der meisten anderen Analysten. Das abgelaufene Quartal dürfte die Folgen der Krise noch nicht voll widerspiegeln. Rund die Hälfte des Geschäfts von Siemens hat lange Zyklen, da werden Aufträge über Monate im Voraus vergeben. Aber in anderen Bereichen dürfte es erheblich Schleifspuren geben, vor allem in der Industrie-Automation oder im Drive-Bereich.

Es ist ja das erste Quartal des laufenden Geschäftsjahres, das bis zum 30. September 2009 geht. Glauben Sie, dass Siemens sein Gewinnziel von acht Milliarden Euro halten kann?

Das halte ich für illusorisch. Das erste Quartal des Geschäftsjahres dürfte noch das beste werden, und auch hier wird Siemens vermutlich nicht mehr als zwei Milliarden Euro Gewinn machen. Die Börse würde es nicht überraschen, wenn der Konzern dieses Ziel in naher Zukunft nach unten korrigiert.

Apropos Börse: Worauf achten die Anleger morgen bei der Bekanntgabe der Zahlen besonders?

Wir schauen besonders auf die Daten aus dem Industrie-Bereich. Hier generierte Siemens in der Vergangenheit rund 50 Prozent des Gewinns. Und hier ist die spannende Frage, wie sehr die Wirtschaftskrise Siemens trifft. Vermutlich werden die Zahlen etwas besser ausfallen, als die Mehrheit der Analysten denkt und die Aktie könnte daher zunächst steigen. Aber wir erwarten, dass sie im Laufe des Handels unter Druck gerät.

Thorsten Giersch
Thorsten Giersch
Chefredakteur Business bei der Verlagsgruppe Handelsblatt / Geschäftsführer digital bei planet c
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