Mit dem Sieg Sanofis endet in Frankfurt-Höchst eine Epoche
Der bittere Geschmack der Übernahme

"Wenn wir etwas Neues schaffen wollen, dann müssen wir auch bereit sein, Hergebrachtes aufzugeben.“ Das hat Jürgen Dormann gesagt an einem schönen Juli-Tag des Jahres 1999. Es ist der Tag, an dem die Hauptversammlung der Hoechst AG einen Schnitt mit der Vergangenheit macht – und die Aventis AG entsteht. Es ist der Tag, an dem Dormann die „große Vision“ predigt, die Fusion mit dem französischen Konkurrenten Rhône-Poulenc zum ersten wirklich europäischen Weltkonzern.

HB FRANKFURT. Es dauert keine fünf Jahre, und auch diese Vision entpuppt sich als das, was sie vor allem ist: Managerprosa. Jürgen Rücker erfährt die schlechte Botschaft aus dem Autoradio. Der 34-jährige Teamleiter biegt an diesem Montagmorgen gerade auf den Werksparkplatz vor dem Osttor des Hoechster Industrieparks ein, als der Nachrichtensprecher verkündet, dass sein Arbeitgeber Aventis vom französischen Konkurrenten Sanofi geschluckt wird. „Niemand hätte gedacht, dass wir so schnell einknicken würden“, klagt der kleine drahtige Mann mit dem dichten schwarzen Haarschopf.

Wochen der Spannung liegen hinter den Leuten in Frankfurt, Wochen, in denen sich die Idee vom deutsch-französischen Europa-Konzern zunehmend als Illusion entpuppte. „Auf den Sitzungen haben uns die Manager immer gesagt, dass jeder seinen Teil zum Kampf gegen Sanofi beitragen kann, sogar mit einem Sticker am Rucksack“, sagt Peter Glasner. Der 17-jährige Azubi ist auf dem Weg zur Arbeit, im weißen Schutzanzug mit dem blauen Aventis-Logo auf der Brust. Schon bald könnte dort auch Sanofi stehen. „Uns wurde etwas vorgemacht, wir wurden benutzt“, sagt er.

Ein paar Meter weiter macht Michael Klippel, was man als Betriebsratschef für den Standort Hoechst an diesem Tag eben tun muss. Er gibt Fernsehinterviews und warnt vor dem Verlust von bis zu 3 000 der 9 000 Arbeitsplätze, die Aventis noch in Deutschland hat. Auch er fühlt sich verschaukelt. „Wochenlang haben uns gerade unsere Chefs zum Widerstand gegen das Angebot aufgestachelt, jetzt geht hier endgültig ein Stück deutscher Industriegeschichte zu Ende.“ In Klippels trägem hessischen Dialekt liegt eher Melancholie als Wut, als er das sagt.

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