Modellbahn-Drama
Märklin-Chef beschimpft Betriebsrat als „Totengräber“

Der Betriebsrat von Märklin ist nicht zu beneiden. Kaum spricht er sich auf Wunsch der Mitarbeiter gegen die unbezahlte Mehrarbeit im Betrieb aus, muss er sich von der Geschäftsführung als sozialistischer Träumer verunglimpfen lassen. Jetzt sammeln die Mitarbeiter auch noch Unterschriften gegen ihre eigenen Vertreter.
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GÖPPINGEN. Bizarres Weihnachtstreiben bei Märklin: Während Insolvenzverwalter Michael Pluta nach einem Käufer für den Modellbahnhersteller sucht, brennt in dem Göppinger Traditionsunternehmen die Luft. Geschäftsführer Kurt Seitzinger beschimpft den Betriebsratschef Dieter Weißhaar als „dreisten Heuchler“, der glaube, bei Märklin „den Traum vom sozialistischen Arbeiterparadies verwirklichen zu können“. Der Brief, der im Betrieb ausgehängt wurde, liegt dem Handelsblatt vor. Darin schreibt Seitzinger an Weißhaar: „Mit Ihrer Einstellung sind Sie und Ihre Gefolgsleute auf gutem Weg, sich zum Totengräber dieses Unternehmens zu machen.“

Der Betriebsrat wollte sich auf Anfrage nicht zu dem Brief Seitzingers äußern. Ausgelöst wurde der Streit durch eine Diskussion um die tarifvertraglich vereinbarte Mehrarbeit. Jeder Mitarbeiter soll in diesem Jahr 105 Stunden unbezahlte Arbeit leisten, wenn dies für den Betriebsablauf erforderlich sei. Im Gegenzug würde auf die Streichung von rund 20 Stellen verzichtet.

Zahlreiche Mitarbeiter haben ihre Stunden bereits eingebracht, andere nicht. In der Firma geht deshalb die Sorge um, dass die zusätzlichen Stellenstreichungen doch noch kommen. Gleichzeitig ergab eine Umfrage des Betriebsrats unter den Mitarbeitern, dass sie die hohen Stundenzahlen und die Samstagsarbeit als Belastung empfinden. Der Betriebsrat solle sich deshalb dafür einsetzen, die unbezahlte Mehrarbeit zu reduzieren oder zu stoppen.

Doch die Geschäftsführung lehnte ab. Am 19. November kündigte der Betriebsrat die Betriebsvereinbarung. Daraufhin eskalierte der Streit zwischen Arbeitnehmervertretern und Geschäftsführung so weit, dass Panik unter den Beschäftigten ausbrach. „Dieselben Leute, die vorher über die Mehrarbeit geklagt haben, sammelten plötzlich Unterschriften gegen den Betriebsrat“, erzählt ein Verhandlungsteilnehmer.

In dieser Woche lagen die Nerven völlig blank. Seitzinger stoppte eine bereits geplante Produktionsverlagerung aus dem Märklin-Werk in Ungarn nach Göppingen im Umfang von fünf Millionen Euro – mit absehbarem Stellenabbau. Dies und die Sammlung von 350 Unterschriften (bei 490 Mitarbeitern) gegen das Verhalten des Betriebsrats führten schließlich dazu, dass der Betriebsrat die Kündigung der Betriebsvereinbarung wieder zurücknahm. Die Produktionsverlagerung kommt nun doch. Betriebsratschef Weißhaar hat sich krank gemeldet.

Märklin-Geschäftsführer Seitzinger verbucht die vergangenen Tage als Erfolg, sagt eine Sprecherin. Die Belegschaft stehe auf seiner Seite. Zu seinem Umgangston äußerte er sich nicht. In seinem Brief nennt er diejenigen, die die unbezahlte Mehrarbeit nicht erbringen „notorische Minderleister und Drückeberger“. Weißhaars Bitte um eine Beruhigung der Mitarbeiter beantwortet Seitzinger mit dem Satz: „Den Teufel werde ich tun, mein hochverehrter Herr Betriebsrats-Vorsitzender!“

Sönke Iwersen
Sönke Iwersen
Handelsblatt / Leiter Investigative Recherche

Kommentare zu " Modellbahn-Drama: Märklin-Chef beschimpft Betriebsrat als „Totengräber“"

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  • Endlich hat einmal jemand geradeaus die Wahrheit gesagt! Das war schon lange überfällig! Und die
    erträgt eben nicht jeder. Herr Dr. Seitzinger ist
    wohl der beste GF, den die Firma Märklin seit
    langer Zeit gesehen hat. Einen betrieb in der Sanierungsphase blockieren zu wollen, kann und darf nicht Aufgabe eines betriebsrats sein! Schade, dass er erst so
    spät und durch eine insolvenz in das Unternehmen
    kam. Es hätte wohl vieles verhindert und viele Arbeitsplätze erhalten werden können, wäre er eher
    eingetreten. Was zuvor "inkompetente Wirtschaftsbanditen" vollbracht haben ist weithin bekannt. Man kann nur hoffen, dass er der Firma
    Märklin noch lange Zeit erhalten bleibt.

  • Liebe Handelsblattredaktion,
    diese beiträge sollten Sie als Dokumente aufbewahren. Egal wie die Causa Märklin ausgeht. Nachfolgenden Generationen von Wirtschaftsstudenten wird dieser Fall viel sagen können.

  • ich wünsche Frau burkhardt und der belegschaft den Erhalt ihrer Arbeitsplätze.
    Verzicht der AN auf Sonderzahlungen und unbezahlte Mehrarbeit wird sich bei Arbeitslosigkeit auf das Arbeitslosengeld dramatisch niederschlagen, und ist noch nie belohnt worden. Wer sich solche verbalen Entgleisungen gegenüber dem bR erlaubt, warum auch immer, benimmt sich nicht gerade wie ein suoveräner GF. Wertschätzung ist warscheinlich ein Fremdwort für den Herrn.

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