Möbelhersteller
Schieders Schreckgespenst

Der größte europäische Möbelhersteller Schieder kämpft gegen die Pleite. Nicht nur, dass das Geschäft Probleme machte; das Management soll auch noch die Bilanzen frisiert haben. Dabei sah bis vor kurzem alles nach einer Erfolgsgeschichte aus. Doch dann kamen die Enthüllungen. Die Firma und der namensgebende Ort stehen Kopf.

DÜSSELDORF/SCHIEDER/LIECHTENSTEIN. Der Mann arbeitet gründlich. Erst inspiziert er den Kofferraum des anthrazitfarbenen VW-Golfs, dann das Handschuhfach und schließlich die Aktentasche des Fahrers. Am Ende wirft er sogar einen Blick unter die Fußmatten im Wagen. Auch dort könnten Akten versteckt sein, vertrauliche Unterlagen, die das alte Management des Unternehmens beiseite schaffen will. Doch Fehlanzeige. Der Wagen darf die rot-weiße Schranke passieren. Und der Sicherheitsmann verschwindet wieder in seinem Pförtnerhäuschen – bis der nächste Wagen oder der nächste Mitarbeiter Feierabend hat und das Firmengelände des Möbelherstellers Schieder hier im tiefsten Westfalen verlassen will.

„Seit einer Woche geht das hier schon so mit diesen Durchsuchungen“, berichtet ein Mitarbeiter, nachdem er am Werkstor seinen Leinenbeutel hat vorzeigen müssen. „Jeder Arbeiter, jeder Wagen wird durchgecheckt, selbst der eines einfachen Arbeiters, dabei haben wir doch nichts zu verbergen, sondern die da oben.“

Die da oben – das ist das Management des größten europäischen Möbelherstellers, dessen Name bis vor kurzem nur Profis kannten, weil Schieder seine Ware an Händler und nicht an Endkunden liefert. Spätestens seit Pfingsten allerdings kennt beispielsweise auch die Staatsanwaltschaft in Bielefeld Schieder. Kleinlaut mussten die neuen Manager dort einräumen, dass sie in den Geschäftsbüchern falsche Zahlen entdeckt haben. Seither ist im Schieder-Land nichts mehr, wie es mal war. Eine Firma zittert, ein ganzer Ort ist in Sorge, viele fragen sich, wie das passieren konnte. Eine Spurensuche.

Wichtigster Arbeitgeber

Schieder-Schwalenberg – das ist ein Örtchen in Ostwestfalen. Sanft gewellte Hügel, viel Grün, viel Gemütlichkeit, gut 9 000 Einwohner verteilt auf fünf Dörfer. „Die Toscana des Nordens“, sagt Bürgermeister Gert Klaus. Und wie er das so sagt, die Mundwinkel ganz leicht nach oben gezogen, weiß man nicht genau, ob er es nicht vielleicht ironisch meint. Schieder mit seinen 600 Jobs ist in Schieder mit Abstand der wichtigste Arbeitgeber. Seit acht Jahren ist Klaus Bürgermeister, seit mehr als 30 Jahren ist er in der Verwaltung, war unter anderem für die Wirtschaftsförderung zuständig. Er hat ihn erlebt, den Niedergang der heimischen Möbelbranche. Unternehmen, die wegen hoher Lohn- und Fertigungskosten aufgeben mussten, Unternehmen, deren Produkte einfach nicht mehr den Geschmack der Kunden trafen, Unternehmen, die keinen Nachfolger fanden.

Und jetzt Schieder. Als die falschen Bilanzen bekannt wurden, brach Oberstaatsanwalt Klaus Pollmann sofort seinen Urlaub ab. Seit dem Fall des Sportbodenherstellers Balsam, der auch auf seinem Schreibtisch lag, muss den Bielefelder Spezialisten für Wirtschaftskriminalität niemand mehr zum Jagen tragen. Ein Schaden von 283 Millionen Euro soll sich bei Schieder aufgehäuft haben. „Das hat man auch nicht alle Tage“, raunzt Pollmann. Kein Blatt Papier darf seither das weitläufige Firmengelände an der Bahnhofstraße verlassen. Das neue Management hat extra einen Sicherheitsdienst aus Bielefeld engagiert – angeblich sind Unterlagen im Aktenvernichter gelandet, erzählen Mitarbeiter.

Was ist schief gelaufen, fragen sie sich. Und sie sind nicht die Einzigen.

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