Möglicher Ratiopharm-Verkauf
VW-Wetten bringen Merckle in Bedrängnis

Der Familienunternehmer und Milliardär Adolf Merckle steht offenbar unter finanziellem Druck. So gehört die Merckle-Holding VEM nach Informationen der Agentur Bloomberg zu jenen Investoren, die auf fallende VW-Kurse spekulierten, aber durch den steilen Anstieg in Bedrängnis geraten sind. Jetzt soll ein Überbrückungskredit notwendig werden. Merckle könnte deswegen gezwungen sein, sich vom Generikahersteller Ratiopharm und weiteren Beteiligungen zu trennen.

BLOOMBERG DÜSSELDORF. Das sagen drei mit den Umständen vertraute Personen. Nach ihren Angaben ringt derzeit eine Gruppe von rund 40 Banken darum, eine Kreditvereinbarung zu erzielen, um der von Merckle beherrschten VEM Vermögensverwaltung GmbH mit Sitz in Dresden unter die Arme zu greifen. Zu der Bankengruppe würden auch die Deutsche Bank und die Commerzbank gehören. Die Informanten wollen angesichts der vertraulichen Aussagen namentlich nicht genannt werden.

Ein Scheitern könnte - so heißt es weiter - Rückwirkungen auf Merckles Holding haben. Sie steuert rund 30 Unternehmen in den Branchen Zementherstellung, Maschinenbau und Pharmazie. Die Bankengruppe habe ein Stillhalteabkommen unterzeichnet. Es solle verhindern, dass eine der beteiligten Banken ausstehende Kredite zurückfordert, während die Gruppe gerade versucht, eine Rettung auszuarbeiten.

"Für die Banken wäre es besser, wenn sie der Gesellschaft aus der Klemme helfen, als wenn sie sie auf Grund laufen lassen", sagte Stefan Müller, geschäftsführender Gesellschafter der Frankfurter Vermögensverwaltungsgesellschaft Prorietary Partners AG, "aber für Banken ist es schwierig, im gegenwärtigen Umfeld finanzielle Vereinbarungen zu treffen. Viele haben Geld am Aktienmarkt verloren, auch mit Volkswagen."

Die Banken, unter ihnen auch die staatseigene Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) und die Royal Bank of Scotland (RBS), könnten sich zu Beginn der kommenden Woche auf einen Überbrückungskredit einigen, um einen möglichen Kollaps zu verhindern, heißt es von den Insidern weiter.

Der 74-jährige Adolf Merckle, der aufgrund seines geschätzten Vermögens von 9,2 Milliarden Dollar (7,3 Milliarden Euro) den 94. Platz in der Forbes-Liste der reichsten Menschen der Welt einnimmt, könnte gezwungen sein, den Generikahersteller Ratiopharm und andere Beteiligungen zu verkaufen, so die mit dem Thema vertrauten Personen weiter. VEM hält auch rund 25 Prozent an der Heidelberg Cement AG, Deutschlands größtem Zementproduzenten.

Sprecher der Deutschen Bank, der Commerzbank, der RBS und der LBBW wollten sich dazu nicht äußern; Merckle und VEM-Geschäftsführerin Susanne Frieß reagierten nicht auf Anfragen, auch nicht auf Bitten um Stellungnahmen, die auf dem Anrufbeantworter der VEM hinterlassen wurden.

Die VEM ist den Informanten zufolge durch einen so genannten short squeeze in Bedrängnis geraten, nachdem sie auf fallende Kurse bei VW gesetzt hatte. Die Marktsituation eines short squeeze entsteht in Folge von Leerverkäufen, wenn die Aktienkurse aufgrund von Deckungskäufen steigen. Die Ankündigung von Porsche vom 26. Oktober, den Anteil an Volkswagen auf 75 Prozent anheben zu wollen, löste einen Ansturm von Short-sellern aus, die sich aus einem immer kleiner werdenden Aktienpool bedienen mussten. Das verursachte einen Kurssprung der VW-Aktie um das Vierfache innerhalb von zwei Tagen. "Volkswagen war ein großes Geschäft, das aber bei vielen falsch gelaufen ist", erklärte Lawrence Peterman, Investment-Direktor bei Eden Financial, London.

Die Suche von Merckles Investmentgesellschaft nach Bankdarlehen fällt mitten in die Kreditkrise, die mit dem Kollaps des Subprime-Hypothekenmarktes der USA im vergangenen Jahr begann und die sich nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers im September verschärfte. Die deutsche Wirtschaft, die größte Europas, befindet sich in der stärksten Rezession seit mindestens zwölf Jahren, wie das Statistische Bundesamt am 13. November mitteilte.

Die deutsche Regierung hat in Reaktion auf vergleichbare Aktionen etwa in den USA und Großbritannien am 17. Oktober ein 500-Milliarden-Euro-Paket zur Rettung der Banken durchs Parlament gebracht. Es wurde bislang von der Commerzbank, der Hypo Real Estate und staatseigenen Banken in Anspruch genommen.

"Die von der Finanzkrise ausgehenden Schockwellen haben die deutsche Wirtschaft voll erfasst, wenn auch später als andere Länder", sagten die fünf Wirtschaftsweisen vergangene Woche. Sie forderten Bundeskanzlerin Angela Merkel auf, ein fiskalisches Stimulierungsprogramm über 50 Milliarden Euro aufzulegen, um die Wirtschaft wiederzubeleben.

Der Index HDax, der die nach Marktkapitalisierung 110 größten Unternehmen Deutschlands erfasst, ist in diesem Jahr um mehr als 40 Prozent gefallen; das Geschäftsklima ist im vergangenen Monat auf ein Fünfjahrestief gesunken. Auch die Produktionsbestellungen sind im September zurückgegangen.

Neben den VEM-Anteilen bei Heidelberg Cement halten weitere Merckle-Firmen und verbundene Gesellschaften Aktien. Insgesamt kontrolliert die Familie rund 86 Prozent des Zementproduzenten, wie Daten zeigen, die Bloomberg zusammengestellt hat. Der Aktienkurs hat in diesem Jahr mehr als die Hälfte verloren; der Marktwert ist auf 6,4 Milliarden Euro gesunken.

Heidelberg Cement hat im vergangenen Jahr den Hersteller von Baumaterialien Hanson Plc für 7,85 Milliarden Pfund (9,17 Milliarden Euro) gekauft. Finanziert wurde der Kauf zum Teil per Kredit.

Auch von Ratiopharm und von Heidelberg Cement waren keine Stellungnahmen zu erhalten Die Presseabteilung von Ratiopharm nicht auf Anfragen, die auf zwei Anrufbeantwortern hinterlassen worden waren. Brigitte Fickel, eine Sprecherin bei Heidelberg Cement, reagierte ebenfalls nicht auf eine telefonische Anfrage.

Die Kosten zur Absicherung von Bonds, die Heidelberg Cement verkauft hat, befanden sich am Freitag auf Rekordniveau, jedenfalls gemäß der Preise von CMA Datavision in London um 15.30 Uhr. Kontrakte, die mit dem Zementhersteller in Zusammenhang stehen, kosten 24 Prozent im Voraus und fünf Prozent im Jahr. Das heißt, die Kosten zur Absicherung von zehn Millionen Euro Kredit für fünf Jahre betragen 2,4 Millionen Euro direkt und 500 000 Euro pro Jahr - gemäß der Preise von CMA Datavision.

Quelle: Bloomberg News, 16. November 2008. Der Beitrag wurde von Bloomberg News exklusiv recherchiert und publiziert.

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