Mol-Übernahme
Die Büchse der Pandora

Der österreichische Energieversorger OMV möchte seinen ungarischen Rivalen Mol übernehmen. Doch der wehrt sich mit allen Kniffen und zimmert an einer Abwehrstrategie, die die Österreicher das Fürchten lehren soll. Jetzt kommt den bedrängten Ungarn noch die heimische Politik zu Hilfe.

BUDAPEST. Dass sie die Tankstelle direkt an die nagelneue Autobahnausfahrt nach Százhalombatta geknallt haben – das ist schon ein starkes Stück. Das blaue Schild des österreichischen Energieversorgers OMV, das über den Zapfsäulen prangt, ist auf dem Weg zur größten Raffinerie des ungarischen Erdöl- und Gaskonzerns Mol am Rande des historischen Städtchens nicht zu übersehen. Ausgerechnet hier lauert der Feind, der Konzern, der seinen ungarischen Rivalen Mol offenbar übernehmen will. Hier, 30 Kilometer vor den Toren Budapests, wo Mol seine Besucher mit Vorliebe durchführt. Denn so bekommen sie die Chance, eine der modernsten Raffinerien Europas zu sehen.

Daran, dass die Österreicher nichts Freundliches im Sinn haben, lässt Zslot Hernádi keinen Zweifel aufkommen. Der Mann mit den kurzen, grauen Haaren ist Chef von 14 000 Mol-Mitarbeitern. Die Ungarn sind unter den Kleinen der Branche ein munterer Großer, und das soll, wenn es nach Hernádi geht, auch so bleiben. „Unsere Selbstständigkeit“, sagt er, „hat sich bewährt.“

Damit das auch so bleibt, greift Hernádi tief in die Trickkiste und zimmert an einer Abwehrstrategie, die die Österreicher das Fürchten lehren soll. Man lässt sich im Osten eben nicht mehr so einfach vom Westen umarmen.

250 Kilometer von Budapest entfernt am Otto-Wagner-Platz 5 im neunten Wiener Bezirk sieht man die Sache mit der Selbstständigkeit der Mol ganz anders: Hier steht das Hochhaus, das die OMV-Zentrale beherbergt. OMV gehört mit seinen 19 Milliarden Euro Umsatz in der Branche der Energieversorger, wo Giganten wie Shell und Gazprom den Takt angeben, zu den Kleinen unter den Großen. Und diese Stellung will Wolfgang Ruttenstorfer ausbauen.

Der OMV-Generaldirektor hat den Anteil, den der österreichische Konzern an Mol hält, in den vergangenen Wochen auf 20 Prozent erhöht. Und damit nicht genug: Ruttenstorfer fordert Mol zu „strukturierten Gesprächen“ auf. Wie groß ist seine Übernahmelust? Danach gefragt, verwendet Ruttenstorfer den Standardsatz aller Chefs dieser Welt, wonach nichts ausgeschlossen und alles geprüft werde.

Er erklärt – ganz der Manager – den Konsolidierungsprozess der Branche, in dem die OMV nicht zu kurz kommen wolle. Und er verweist – ganz der Staatsmann – auf die Versorgungssicherheit in Österreich und Mitteleuropa, die zu gewährleisten nicht zuletzt die Aufgabe der OMV sei.

Das alles trägt dazu bei, dass Analysten beinahe täglich eine offizielle Übernahmeofferte erwarten. In Österreich weiß Ruttenstorfer, der auch mal Staatssekretär im Wiener Finanzministerium war, die Regierung hinter sich. „Ich hielte einen Merger von OMV und Mol für sinnvoll“, sagt etwa Österreichs Wirtschaftsminister Martin Bartenstein. An den Ungarn könnte sich Ruttenstorfer jetzt allerdings einen Zahn ausbeißen.

Über der Raffinerie bei Százhalombatta liegt der durchdringende Geruch von warmem Öl. Die Sonne brennt auf das parkähnliche Gelände von der Größe einer Stadt, auf dem zwischen bunt gestrichenen Leitungen Rosen gezüchtet werden. Durch eine Pipeline landet russisches Erdöl zum Discount-Preis direkt an den hohen Tanks der Ungarn und wird veredelt. „Russisches Lay-out“, sagt Werksleiter Zsolt Huff und deutet auf alte Betonkessel. „Falls etwas zerbombt wird“, sei nicht sofort der gesamte Betrieb lahm gelegt.

In den 90er-Jahren, als der Ölpreis niedriger war und die alte Russentechnik keinem einen Pfifferling wert war, entschloss sich Mol, die Anlage zu sanieren. Heute fährt das Unternehmen die Früchte dieser Entscheidung in Form von hohen Margen ein und weckt Begehrlichkeiten wie die der Österreicher.

Doch die Ungarn haben dem etwas entgegenzusetzen. „Effizienter als in Schwechat“ werde hier gearbeitet, sagt Werksleiter Huff und vergleicht seine Raffinerie mit der OMV-Anlage vor den Toren Wiens. Und da Mol-Chef Hernádi eben noch vor den vielen „Überlappungen“ warnte, die bei einem Aufgehen von Mol in OMV drohten, wird klar, was die Ungarn den Österreichern sagen wollen: Bei einer Fusion könne die OMW ihre Raffinerie im eigenen Land gleich vergessen.

Hernádi hat noch mehr vergiftete Pfeile im Köcher: Wie selbstverständlich und ganz beiläufig bezeichnet der Mol-Chef die OMV stets als „Staatsunternehmen“. Er trifft damit mitten in die Empfindlichkeiten der Österreicher, die sich zugute halten, ihre alte Staatsindustrie privatisiert zu haben, aber seit einigen Jahren vor weiteren Privatisierungsschritten zurückschrecken. Tatsächlich hält Österreich an der OMV 31,5 Prozent der Anteile und hat zudem mit dem zweitgrößten Aktionär, einer Investmentgesellschaft aus Abu Dhabi, ein Abkommen geschlossen, wonach beide Großaktionäre stets gemeinsam vorgehen.

Inzwischen haben sich auch die Politiker in Budapest in den Kampf Mol gegen OMV eingeschaltet. Sie bereiten ein Gesetz vor, das den Einfluss ausländischer Staatsunternehmen auf strategische Sektoren der ungarischen Wirtschaft begrenzen soll.

Wer von einer „Lex Mol“ redet, erntet damit bei Hernádi ein breites Grinsen. „Wir haben die Büchse der Pandora geöffnet“, sagt er, und es klingt, als bräche damit nun alles Schlechte über die OMV herein, was die Ungarn so aufbieten können: Sie kaufen eigene Aktien mit geliehenem Geld zurück, sie suchen einen weißen Ritter, der Mol vor der Umklammerung aus Wien rettet, und sie präsentieren eine forcierte Wachstumsstrategie, die den Aktionären zeigen soll: Es geht ohne OMV. 300 Millionen Euro will Mol in den nächsten drei Jahren allein in die Raffinerie bei Százhalombatta stecken. Mehr Dieselkraftstoff soll hier, in der einst von russischer Hand erbauten Raffinerie, künftig hergestellt werden.

Auch die OMV ist aus der Sowjetischen Mineralölgesellschaft hervorgegangen. Und es könnte sein, dass hinter dem Kampf des kleineren Ungarn gegen den größeren Österreicher ein ganz Großer steht, der in aller Ruhe abwartet, bis einer der Kontrahenten gewonnen hat, um dann selbst ein aufgeräumtes Schlachtfeld zu besetzen: Megdet Rahimkulov.

Der Mann ist einer der reichsten Ungarn. Er stammt aus Moskau und kommt vom russischen Energieversorger Gazprom. Mit seinen Verkäufen von Mol-Aktien hat er die Österreicher erst in Stellung gebracht. Dass Gazprom die Energieversorgung in Mitteleuropa tatsächlich den Mitteleuropäern überlässt – daran glaubt weder in Wien noch in Budapest irgendjemand.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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