Montenegro
In der Hand des Russen

In Montenegro kämpft eine Aluhütte ums Überleben, plötzlich hängt das Schicksal des ganzen Landes von ihr und ihrem Eigner ab: Oleg Deripaska, Moskauer Metalloligarch, mit Boxergesicht und undurchsichtiger Vergangenheit. Eben noch galt Deripaska als der reichste Russe, nun steckt der Geldgeber selbst in finanziellen Schwierigkeiten.

PODGORICA. Schnurgerade zieht sich eine dünne gelbe Rauchsäule in den blauen Himmel. Es ist Ende April, die Berge sind immer noch schneebedeckt. Zoran Milosevic streicht sich durch sein ergrautes Haar. Seine senfgelbe Jacke sieht ähnlich giftig aus wie die Abgase der Fabrik hinter ihm. Viel giftiger Rauch um nichts, könnte man sagen. "Früher", sagt Milosevic, "stand das Werk mächtig unter Dampf. Aber heute?"

Steht vor allem Milosevic, Gewerkschaftschef der Aluminiumhütte von Podgorica, Montenegro, unter Dampf. Er raucht. Er sagt, dass das Kombinat Aluminijuma Podgorica, kurz KAP, größter Industriebetrieb des Landes, gerade 450 seiner 2720 Arbeiter auf Kurzarbeit null gesetzt habe.

Als Milosevic wenig später seinen silbernen Toyota ins Werk steuert, bricht sein Frust aus ihm heraus. Das Unternehmen ist im Verzug mit Löhnen. Es hat millionenschwere Altlasten, aber das Schlimmste ist die Sache mit dem Strom. Der Strom, den sein Werk beziehe, sei der "teuerste Strom Europas", schimpft Milosevic. Um Aluminium herzustellen, ist eine Menge Strom nötig. Milosevic hat gerechnet: etwa 1000 Dollar Verlust je Tonne Aluminium, die sie produzieren. Milosevic sagt: "KAP braucht einen neuen Vertrag mit der Regierung, sonst machen wir nie wieder Gewinn."

Er muss keinen Namen nennen, um kundzutun, wer seiner Meinung nach schuld ist, das weiß man hier auch so. Oleg Deripaska, der Eigentümer, Moskauer Metalloligarch mit einem Boxergesicht und undurchsichtiger Vergangenheit. Er war Broker für Aluminiumprodukte und gewann in den 90er-Jahren einen Verteilungskrieg um die Vorherrschaft im lukrativen Metallgeschäft. Als Deripaska vor vier Jahren einstieg, sollte er die KAP voranbringen, nun steckt der Geldgeber selbst in finanziellen Schwierigkeiten.

Und das Problem der KAP ist eines, das nicht ein einziges Unternehmen betrifft, sondern das ganze Land. Bei KAP selbst geht es um 2720 Arbeitsplätze. Doch indirekt, bei Zulieferern, der Bahn, im Hafen, hängen Zehntausende Jobs von KAP ab - in einem Land von der Größe Schleswig-Holsteins. Die Aluminiumhütte erwirtschaftet gut die Hälfte aller Exporte Montenegros und 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. All das hängt nun von russischem Geld ab.

Eben noch galt Deripaska als der reichste Russe, das Magazin "Forbes" taxierte im vergangenen Jahr sein Vermögen auf 28,6 Milliarden Dollar. Inzwischen ist Krise, Deripaska verlor viel Geld, er soll nur noch 3,5 Milliarden Dollar haben, dafür aber eine Menge Schulden und Ärger. Sein mit Megakrediten zusammengekauftes Industrie-Imperium ist in Gefahr. Derzeit verhandelt er mit Banken über eine Umschuldung von 19,8 Milliarden Dollar. Seine Holding Basic Element bestätigt diese Summe.

Um überhaupt noch Verhandlungsspielraum zu haben, hat Deripaska seine Beteiligungen an den Baukonzernen Hochtief und Strabag verkauft. Den Plan, zusammen mit dem österreichisch-kanadischen Autozulieferer Magna den Autobauer Opel zu übernehmen, hat er bisher nicht aufgegeben.

Betriebsrat Milosevic beschleicht ein ungutes Gefühl, nachdem er jüngst von Deripaskas Werkschef diesen Satz gehört hat: Das KAP sei "wie ein Schiff, das in der Mitte eines Sees langsam sinkt, weil es keine Nahrung für die Mannschaft mehr hat, kein Geld für Ersatzteile und keinen Diesel mehr im Tank, um ans Ufer zu steuern".

Milosevic muss hoffen, aber nicht zu sehr. Er muss kämpfen, aber nicht zu sehr. Er demonstriert, eine harte Konfrontation mit Deripaska aber scheut er. Er darf den Russen nicht verprellen. Milosevic sagt, die Pleite müssten sie zusammen mit dem Arbeitgeber verhindern. Als wäre das nicht schon kompliziert genug, hängt jetzt auch die Regierung mit drin.

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