Nach dem Fall der UN-Sanktionen rechnen sich ausländische Unternehmen große Wachstumschancen aus
Libyen buhlt um deutsche Investoren

Libyens Revolutionsführer Muammar el Gaddafi hat die Angelegenheit eigens seinem Sohn übertragen: Saif al Islam Gaddafi wirbt in diesen Tagen als Schirmherr des deutsch-libysches Wirtschaftstreffens um Investitionen.

DÜSSELDORF. Heute und morgen treffen sich in Berlin rund 250 Industrievertreter mit hochrangigen Abgesandten aus Libyen: Die Lufthansa ist dabei, die Post, die Commerzbank, Siemens, Hochtief, Tui und Wintershall. „Für uns ist Libyen eines der weltweit interessantesten Länder“, erklärt Wintershall-Vorstand Bernhard Schmidt.

Gaddafi macht Nägel mit Köpfen: Erst im September hatte die Uno ihre Sanktionen gegen das nordafrikanische Land endgültig fallen lassen, nachdem es hohe Entschädigungen für Terroropfer zugesagt hatte. Nun sucht der Wüstenstaat dringend Wirtschaftspartner, schließlich will Gaddafi die Wirtschaft seines Landes umkrempeln: Er will weg vom System der Planwirtschaft und im kommenden Jahr rund 300 Firmen privatisieren. Nach über einer Dekade der Isolation ist auch dringend eine Investitionsspritze für den Devisenbringer Nummer eins nötig: die Ölanlagen mit 29,5 Mrd. Barrel Reserven (ein Barrel entspricht 159 Liter). Zurzeit fördert die staatliche Ölgesellschaft NOC 1,4 Mill. Barrel pro Tag, Experten von Wood Mackenzie rechnen damit, dass sich die Menge mittelfristig auf 1,7 Mill. Barrel steigern lässt. Nach eigenen Schätzungen müssen dafür innerhalb von 10 Jahren sieben Mrd. $ aufgebracht werden – auch mit Hilfe deutscher Konzerne.

Viele Firmen wie Bilfinger & Berger, MAN oder Ferrostaal sind schon da, weitere werden kommen. „Nach dem Fall der UN-Sanktionen steigt das Interesse deutscher Firmen“, sagt Jens-Ove Stier, Vorsitzender des deutsch-libyschen Wirtschaftsforums. Zwar bietet Libyen mit seinen 5,5 Mill. Einwohnern keinen großen Markt für Konsumgüter, neben dem Öl- und Gasgeschäft locken aber große Infrastukturprojekte wie der Bau der Eisenbahnlinie von Tunesien nach Ägypten oder die Pipeline nach Italien. Chancen bieten auch Gesundheitswesen, Tourismus und Kommunikation.

Wer schon vor den Sanktionen in Libyen aktiv war, konnte in den vergangenen Jahrzehnten unbehelligt seinen Geschäften nachgehen. Die BASF-Tochter Wintershall fördert seit über 40 Jahren libysches Öl und Gas. „Für uns läuft die Kooperation problemlos“, heißt es.

Schwer haben es aber Neueinsteiger, und das wird sich auch jetzt nicht schlagartig ändern, sondern erst wenn auch die US-Regierung ihren bilateralen Boykott aufgibt. Seit Mitte der 90er Jahre müssen auch nicht-amerikanische Firmen Strafen fürchten, die mit Libyen Geschäfte machen. Dieser „Iran-Libya Sanctions Act“ droht Konzernen, die sich in Geschäftsfelder vorwagen, die US-Konzerne wegen der Sanktionen räumen mussten.

Das musste zuletzt der RWE-Konzern erfahren. Die Tochter RWE-Dea hatte im Frühjahr einen Explorationsvertrag unterzeichnet. Die US-Regierung intervenierte. „Das Problem ist inzwischen gelöst“, beschwichtigt ein Sprecher des Unternehmens. Die Situation könnte sich für RWE und andere Newcomer ohnehin bald entspannen: Die US-Firmen machen Druck auf ihre Regierung, die seit 1986 bestehenden Sanktionen aufzuheben. „Die scharren mit den Hufen“, sagt ein Branchenkenner.

Die US-Gesetze sind nicht das einzige Hindernis für Unternehmen, die mit Libyen Geschäfte machen: Nach wie vor werden Visa nicht schnell genug erteilt, die Korruption ist ein Problem sowie die ineffiziente Bürokratie. Der private Sektor und die Infrastruktur sind noch recht schwach, zudem gibt es noch keine privaten Banken. „Das Land hat aber schon einige Fortschritte gemacht“, sagt Stier. Vor allem der Rechtsrahmen für private und ausländische Investitionen steht. Und an den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen arbeitet Gaddafi fleißig. In den vergangenen Jahren wertete er den Dinar um 50 % ab und senkte den Zoll auf Importgüter um bis zu 50 %.

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