Nach Erdbeben
Tokyo Power rationiert Strom

Japans größter Energieversorger Tokyo Electric Power (Tepco) kann nicht mehr genügend Energie für Großkunden in Tokio liefern. Der Grund: Seit einem schweren Erdbeben im Juli steht das leistungsstärkste Kraftwerk Japans still. Bei einigen Industrieunternehmen könnte die Produktion spürbar leiden, wenn die Hitzewelle in Japan weiter anhält.

TOKIO. Japans größter Energieversorger Tokyo Electric Power (Tepco) hat für 23 Großkunden die Stromzufuhr gedrosselt. Weil das leistungsstärkste Kraftwerk des Landes nach einem Erdbeben seit vergangenem Monat still steht, kam es gestern zum befürchteten Engpass. Bei Temperaturen über 35 Grad Celsius drehten die Einwohner der japanischen Hauptstadt die Klimaanlagen kräftig hoch; dadurch überstieg der Strombedarf zeitweilig die 62,5 Gigawatt, die Tepco mit den verbleibenden Kraftwerken und durch Zukäufe aufbringen konnte.

Mit den Unternehmen, die nun von Einsparungen betroffen sind, hatte Tepco Verträge geschlossen, die Rabatte im Gegenzug für geringere Versorgungssicherheit vorsehen. In der heißesten Zeit zwischen ein und fünf Uhr Nachmittags konnte der Energiekonzern gestern etwa 200 Megawatt einsparen. Insgesamt haben rund 1 000 Unternehmen Verträge mit Einsparmöglichkeit bei Tepco. Ihr Verbraucht liegt zusammen bei 1,3 Gigawatt. Zuletzt hatte der Versorger vor 17 Jahren während einer Hitzewelle von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, seinen Kunden den Strom zu drosseln. Wenn die Hitzewelle anhält, könnte bei einigen Industrieunternehmen die Produktion spürbar leiden.

Zusätzlich zu den Einsparungen nahm Tepco kurzfristig Generatoren in der Staumauer einer Talsperre in Betrieb. Eigentlich hatte die Regierung dem Versorger die Nutzungsgenehmingung für das Flusswasser am Wasserkraftwerk Shiobara wegen Verletzung von Umweltauflagen entzogen. Der zuständige Minister erteilte jedoch angesichts der Notlage eine Erlaubnis für die Zeit der Sommerhitze.

Am 16. Juli hatte ein schweres Erdbeben das Kernkraftwerk Kashiwazaki-Kariwa 200 Kilometer nördlich von Tokio so schwer beschädigt, dass es bis 2009 nicht wieder ans Netz kann. Eine Gruppe von Wissenschaftlern forderte sogar, das Kraftwerk still zu legen, weil in seiner Umgebung mit unberechenbar schweren Beben zu rechnen sei. Im Juli waren die Stöße knapp siebenmal stärker, als die Anlage offiziell aushalten sollte – nur einer sehr robusten Bauweise ist es zu verdanken, dass sich kein Unfall ereignete. Kashiwazaki-Kariwa besteht aus sieben Reaktoren und leistet mit acht Gigawatt mehr als jedes andere Atomkraftwerk in der Welt.

Tepco forderte die Bürger in Fernsehspots auf, ihre „Aircons“ nur auf schwacher Stufe laufen zu lassen. Das japanische Wirtschafts- und Energieministerium ging gestern in Tokio mit gutem Beispiel voran und stellte die Klimaanlage nur auf 30 Grad ein. Die langen Gänge des Gebäudes waren nur mit Notstrom beleuchtet. Da die Aufzüge teils außer Betrieb waren, mussten die Beamten zudem Treppen steigen. Einige Supermärkte kühlten Getränke nicht mehr so stark und schalteten überflüssige Lichter aus.

Den Anteil der Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen setzte Tepco diesen Sommer um ein Viertel herauf. Das Unternehmen muss daher große Mengen Öl kaufen, was deutliche Spuren in der Bilanz hinterlassen wird. Offiziell prognostiziert der Versorger derzeit einen Gewinnrückgang von 71 Prozent, Experten erwarten jedoch einen noch größeren Einbruch, wenn Tepco die Umbaukosten für Kashiwazaki-Kariwa einrechnet. Der Konzern steht vor der Wahl, sofort mit Bauarbeiten loszulegen und dabei einen extrem hohen Standard von Erdbebensicherheit anzulegen oder zu warten, bis geologische Studien und Regierunsinspektoren eine neue Vorgabe für die maximal um das Kraftwerk möglichen Beben liefern und dann nur so viel Sicherheit nachzurüsten.

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