Nach Rückzug aus Chemiegeschäft
Neuausrichtung zwingt Bayer zum Umbau der Forschung

Die Agrosparte setzt künftig auf Biotechnik, die Pharmasparte dagegen auf marktreife Produkte.

DÜSSELDORF. Nach der Entscheidung zum Rückzug aus der Chemie und zum Alleingang im Pharmabereich forciert der Bayer-Konzern offenbar die Neuausrichtung seiner Forschung. Dabei zeichnen sich gegenläufige Strategien ab: In der Pflanzenschutzsparte Bayer Crop Science soll vor allem die Biotechnologie ausgebaut werden – also relativ frühe Forschungsprojekte. Im Geschäftsbereich Pharma hingegen rückt die Suche nach möglichst marktreifen Produktkandidaten in den Vordergrund.

Experten aus der Pharmabranche gehen davon aus, das der Leverkusener Konzern seine künftig größere finanzielle Beweglichkeit nutzen will, um weitere Lizenzen für Medikamente zu erwerben. Dies erscheint nötig, weil abgesehen von der kürzlich eingeführten Potenzpille Levitra vorerst keine zulassungsreifen Neuentwicklungen in Sicht sind. Gleichzeitig muss Bayer den Patentablauf beim Umsatzträger Ciprobay verkraften.

Nach der gescheiterten Partnersuche soll sich die angeschlagene Pharmasparte im Alleingang als „mittelgroßes europäisches Pharmaunternehmen etablieren“, wie Bayer mitteilte. Die neue Ausrichtung dürfte auch die relativ breit auf gestellte Pharmaforschung des Konzerns verändern. Berichte, dass die Forschungszentren West Haven/USA und Kyoto/Japan aufgegeben werden, wollte der Konzern nicht kommentieren. Angesichts der geplanten Fokussierung der neuen Pharmasparte würde ein solcher Schritt aber kaum überraschen. Im Frühjahr hatte Spartenchef Wolfgang Plischke den Wandel zum „Spezialisten-Anbieter“ und eine eine Konzentration auf die Bereiche Infektionen, Herz-Kreislauf und Krebs angekündigt.

Bayer steht vor dem Problem, dass bis 2001 die Biotech- und Genomforschung stark ausgebaut wurde. Nach dem Umsatzeinbruch infolge des Lipobay-Skandals sind die Ambitionen in diesem Bereich aber nicht mehr finanzierbar. Zudem brachte die Genomforschung bislang kaum konkrete Produktkandidaten. Bayer muss daher die Pharma-Entwicklung von der Früh- auf die Spätphase umschichten. Gleichzeitig soll der F+E-Kostenanteil von 28 % im vergangenen Jahr auf unter 20 % sinken.

In eine andere Richtung bewegt sich der Konzern dagegen im Bereich Bayer Crop Science, der durch den Kauf der Aventis-Pflanzenschutzsparte auf 6,5 Mrd. Euro Umsatz gewachsen ist. Hier will Spartenchef Jochen Wulff offenbar die Biotech-Forschung noch stärker in den Vordergrund rücken, auch wenn sie vorerst nur kleinere Umsatzbeiträge generiert. Die nötigen Mittel dürfte Bayer Crop laut DZ- Bank-Analyst Heinz Müller beim chemischen Pflanzenschutz einfahren. Neue Produkte sollen hier bis 2006 rund 800 Mill. Euro zusätzlichen Umsatz einfahren.

Bayer Crop Science will dabei die erste Entwicklungsstufe der Grünen Gentechnik überspringen. Denn bei herbizidresistenten Nutzpflanzensystemen ist Wettbewerber Monsanto nach Wulffs Einschätzung nicht mehr einzuholen. In den nächsten Entwicklungsrunden der Agro-Gentechnik hofft Bayer, einen Vorsprung zu erzielen, zumal Monsanto wegen Finanzproblemen die Forschung kurz halten muss.

Dabei geht es um die Verbesserung der Nutzeigenschaften von Kulturpflanzen und um den Einsatz von Nutzpflanzen für die Pharmaproduktion. Diese Idee hatte Bayer schon früher. Doch ohne den Aven tis-Pflanzenschutz reichte es nicht zur Verwirklichung. Jetzt können Bayers Pflanzengenetiker Know-how nutzen von Firmen wie der mit Aventis Crop Science eingekauften Firma Plantec in Potsdam, die bereits an so genannten „Output- Traits" arbeitet. Fernziel bleibt die „Plant Factory“ – also genveränderte Pflanzen, die schwer zu synthetisierende Chemikalien oder Arzneiwirkstoffe produzieren.

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