Nach schlechtem Halbjahr
Clariant wagt einen Neuanfang

Der Spezialchemiekonzern Clariant AG hat ein rabenschwarzes Halbjahr hinter sich. Der Vorstandschef des in Muttenz bei Basel ansässigen Unternehmens, Roland Lösser, hat deswegen angekündigt, Sparten zu verkaufen und das Unternehmen neu auszurichten. Dabei rechnet er für den Rest des Jahres weiter mit einer unsicheren Chemiekonjunktur. „Wir erwarten wenig oder gar keine Hilfe vom Marktumfeld, das weiterhin schwierig bleibt“, sagte Lösser.

abo DÜSSELDORF. Als Notmaßnahme will der Clariant-Chef nun schnellst möglich die Elektronikchemie und die Celluloseätherprodukte des Konzerns zu Geld machen. Lösser will zudem vier Feinchemie-Fabriken in den USA schließen und schon bald weitere Geschäftsfelder verkaufen. Neben den angekündigten Verkäufen in der Sparte Feinchemie komme alles auf den Block, was keine Chance auf führende Marktpositionen habe, nicht zum Kerngeschäft zähle oder zu hohe Investitionen brauche. Insgesamt soll das Programm 1,5 Mrd. ChF einbringen.

Nicht angetastet werden sollen solche Business units, mit denen Clariant eine führende Weltmarktposition hat, die Service-orientiert sind und damit überdurchschnittliche Margen abwerfen, oder die im Konzern besondere Synergien bringen. So will der Lösser zufolge will sich der Schweizer Konzern wieder auf seine traditionellen Stärken in der Spezialchemie besinnen.

So beansprucht Clariant bei Lackpigmenten die Rolle als Weltmarktführer. Bei Kunststoffadditive und fertige Plastikmischungen sehen sich die Schweizer ebenfalls weltweit auf Rang eins. Größter Anbieter sind die Schweizer nach Branchenangaben vor allem in der Textil- und Lederchemie – gerade dies ist allerdings ein schwieriges Geschäft mit unsicheren Margen.

Anders als viele Großchemieunternehmen, die zu Jahresanfang einen wahren Orderboom erlebten, hat Clariant im ersten Halbjahr 2003 mit 4,3 Mrd. ChF rund 12 % weniger umgesetzt als vor Jahresfrist. Dazu trug auch der Verkauf von kleineren Aktivitäten bei. Die betrieblichen Erträge gingen im Vorjahresvergleich um 44 % zurück, und der Konzern weist für die ersten sechs Monate 49 Mill. ChF Fehlbetrag aus. Ein Jahr zuvor hatte Lösser noch fast 150 Mill. ChF Reingewinn vorzeigen können. Auch für ganz 2003 ist sich das Management nicht mehr siegessicher. Ob Clariant das Jahr mit schwarzen Zahlen abschließen werde, hänge davon ab, ob bis zum Bilanzstichtag schon Sparten verkauft werden könnten, sagte Finanzchef Francois Note.

Die Börse reagierte zunächst positiv auf die Restrukturierungsnachricht, zumal viele Analysten ohnehin schlechte Halbjahreszahlen erwartet hatten und jetzt auf einen Turn-around bei der Chemiegruppe setzen. Die Aktie machte zur Eröffnung einen Kurssprung um 6,5% auf Werte um 16,30 ChF, mittags notierte sie mit über 16,5 % bei Kursen um 17,85 ChF. „Der Fokus ist klar auf Clariant gerichtet“, berichtete ein Aktienhändler.

Daneben aber wurden kritische Stimmen laut. Chemieanalyst Bernd Pomrehn von der Züricher Kantonalbank, bemerkte, das Jahresergebnisse werde mit 120 Mill. ChF Kosten für die angekündigten Schließungen belastet sein. Und die Chemieanalysten der Landesbank Rheinland Pfalz bezweifeln, dass Lösser und Note angesichts der schlechten Branchenkonjunktur ihre Spartenverkäufe bis Jahresende kassenwirksam machen könnten. Trotz der jüngsten Kursgewinne, die ihrer Ansicht die Sanierung des Konzerns schon vorweg nehmen, stufen sie den Schweizer Konzern als „structural underperformer“ ein.

Denn der Konzern trägt ein schweres Erbe mit sich herum. Ende der neunziger Jahre aus Chemieaktivitäten von Sandoz und Hoechst gebildete, galt Clariant in der Branche mit seinem Schweizer Schwesterunternehmen Ciba AG lange Zeit als Vorreiter der Branche. Doch hat Clariant sein Geschäft in den fetten Chemiejahren zu stark ausgedehnt. Darunter hat ihr Profil als Spezialchemieanbieter gelitten. Gleichzeitig gingen die Erträge in den Keller und die Schulden in die Höhe.

Auf 3,7 Mrd. ChF bezifferte Lösser gestern den aktuellen Nettoschuldenstand der Gesellschaft. Davon sind ein Teil verlängerbare Kreditlinien, deren Konditionen zum Teil an die Kreditwürdigkeit der Gesellschaft geknüpft sind. Schwerer wiegen jedoch die Verbindlichkeiten mit festen Laufzeiten: In den kommenden Jahren muss das Unternehmen jeweils 400 bis knapp 700 Mill. ChF per anno zurück zahlen oder umschulden. Das können bis zu einem Zehntel des erwarteten Jahresumsatzes sein.

Zwar sieht Lösser die Finanzlage seines Unternehmens als „stabil“. Verhandlungen mit den Gläubigerbanken hätten neuen finanzielle Spielräume gebracht. „Binnen neun Monaten wird unsere Verschuldung auf 2,5 Mrd. ChF sinken“, kündigte er an. Eine Kapitalerhöhung schloss er für die absehbare Zukunft aus.

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