Nach schwerem Zwischenfall
Zwangspause für schwedische Atommeiler

Auch ein Kernkraftwerk braucht zum Betrieb elektrische Energie, und sollte die Versorgung von außen ausfallen, sorgen Akkus und Dieselaggregate ohne Pause dafür, dass der Meiler kontrollierbar bleibt. In einem schwedischen Reaktor hat diese Notversorgung mehr schlecht als recht funktioniert, nur knapp konnte die Mannschaft Schlimmeres verhindern. Nun stehen landesweit Meiler still.

HB STOCKHOLM. Die schwedische Nuklearbehörde SKI teilte am Donnerstag mit, in der vergangenen Nacht seien im Kraftwerk Oskarshamn zwei von drei Reaktoren heruntergefahren worden. „Die Sicherheit kann nicht garantiert werden“, erklärte die SKI. An der Betreibergesellschaft des Kraftwerks Oskarshamn hält der deutsche Versorger Eon über seine schwedische Tochter die Mehrheit. SKI-Sprecher Anders Bredfell erklärte, die Atommeiler blieben so lange außer Betrieb, bis geklärt sei, ob die Notstromversorgung dort auf die gleiche Weise versagen könnte wie im vom Vattenfall-Konzern betriebenen Kraftwerk Forsmark. Dort stehen zwei der drei Reaktoren bereits seit Tagen still, nachdem es im Block Forsmark-1 einen schweren Störfall gegeben hatte.

Eine offizielle Erklärung dazu, was in dem Meiler am 25. Juli genau passierte, gibt es bisher nicht. Entsprechende Berichte stammen von schwedischen Medien, von Umweltgruppen und von Atomgegnern. So heißt es in einem Medienbericht unter Berufung auf einen Angestellten des Kraftwerks Forsmark, in der Nacht zum 26. Juli habe ein Reaktor kurz vor der Kernschmelze gestanden. Dieser Begriff bezeichnet einen Meiler, dessen Kühlung ausfällt und dessen Brennstäbe zusammenschmelzen. Ein solcher Unfall ereignete sich 1979 im US-Kernkraftwerk Three Mile Island in Harrisburg.

Die Organisation Internationale Ärzte gegen den Atomkrieg erklärte, zu dem Störfall sei es durch einen Kurzschluss außerhalb des vom Vattenfall-Konzern betriebenen Kraftwerks Forsmark gekommen. Block 1 sei daraufhin vom Stromnetz abgeschnitten gewesen. Nach Angaben der Umweltorganisation Greenpeace versagten daraufhin zwei der vier Notstrom-Linien, die aus großen Akkumulatoren und Dieselgeneratoren bestehen und einen Weiterbetrieb des Kraftwerks sichern sollen.

„Zwanzig Minuten Geisterbetrieb“

„Der Reaktor ist durch den Störfall fast zwanzig Minuten lang im Geisterbetrieb gefahren. Die Bedienmannschaft hat kein klares Bild mehr gehabt“, meinte Heinz Smital, Atomexperte bei Greenpeace. Erst nach dieser Zeitspanne sei es Technikern gelungen, die Dieselgeneratoren hochzufahren, damit genügend Strom zum Betrieb und zum Herunterfahren des Reaktors zur Verfügung gestanden habe. Alle stillgelegten Reaktoren verfügten über baugleiche Notstromversorgungen wie in Forsmark-1.

Greenpeace zitiert einen früheren Direktor der schwedischen Atomaufsicht mit den Worten, dass es „nur mit purem Glück nicht zu einer Kernschmelze gekommen ist“. Dieser Ansicht widersprach allerdings der Sicherheitschef des Kraftwerks, Ingvar Berglund. Er sagte, es habe niemals die Gefahr eines Unfalls wie im ukrainischen Tschernobyl 1986 bestanden. Damals war es zu einer Kernschmelze, einer Explosion und zur massiven Freisetzung von Radioaktivität gekommen. Die Einschätzung des Forsmark-Sicherheitschefs wird jedoch auch von Jan Blomstrand geteilt, einem Mitglied des SKI-Gremiums für Reaktorsicherheit: „Meiner Ansicht nach wurde die Angelegenheit von den Medien übertrieben“, sagte. Die übrigen beiden Notstrom-Linien hätten ausreichend Strom für den Reaktor erzeugt.

Linksfraktion: Herstellerfirma wusste seit langem von Schwäche

Am Donnerstagabend gab das Bundesumweltministerium in Berlin bekannt, dass es prüft, ob auch in deutschen Atomkraftwerken ein solcher Störfall auftreten kann. Der Vorfall in Schweden werde als „sicherheitstechnisch ernstes Ereignis“ eingestuft. Die umweltpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, Eva Bulling-Schröter, verwies auf Medienberichte, wonach die Herstellerfirma der Notstromversorgung des schwedischen Atomreaktors bereits seit den 90er Jahren von der „Konstruktionsschwäche“ gewusst und dieses Wissen erst nach einem ähnlichen Störfall in einem deutschen Atomkraftwerk weitergegeben hat.

Die Schweden hatten 1980 in einer Volksabstimmung die Weichen dafür gestellt, dass das Land als weltweit erstes aus der Kernkraft als Energiequelle aussteigt. Zwei der ursprünglich 12 Reaktoren, die beiden Blöcke in Barseback unweit von Malmö und gegenüber der dänischen Hauptstadt Kopenhagen, sind inzwischen im Zuge des Atomausstiegs stillgelegt worden. Zehn noch laufende Reaktoren in Oskarshamn, Forsmark und Ringhals liefern etwa die Hälfte der Elektrizität des Landes. Mit Strommangel rechnen Behörden und Betreiber trotz des Stillstands eines Teils der Reaktoren nicht. Gleichwohl schnellten die Strompreise in skandinavischen Ländern seit Dienstag vergangener Woche um zwölf Prozent in die Höhe.

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