Nachfrageeinbruch
Schaeffler fährt die Kosten runter

BMW, Mercedes und Opel drosseln ihre Produktion und bringen die Zulieferbetriebe damit in Schwierigkeiten. Die ausbleibenden Aufträge treffen Schaeffler mitten in der Milliarden-Übernahme von Continental. Konsequenz: Ein striktes Kostensenkungsprogramm.

HAMBURG. Das fränkische Familienunternehmen Schaeffler reduziert seine Kosten, um die Nachfrageeinbrüche in der Automobilindustrie abzufedern. "Bei uns kommt alles auf den Prüfstand", heißt es in Unternehmenskreisen des Wälzlagerspezialisten. Schaeffler sichert sich derzeit im Rahmen eines Übernahmeangebotes Aktien von Continental, um sich zu 49,9 Prozent an dem Dax-Konzern zu beteiligen. Weil der Börsenkurs seit Wochen deutlich unter dem Kaufangebot von 75 Euro liegt, dürfte die Beteiligung teurer als erwartet werden.

Bei einem Autoanteil von 60 Prozent am Geschäft schlagen die aktuellen Produktionskürzungen von Herstellern wie BMW, Mercedes-Benz und Opel voll auf Schaeffler durch. Firmenchef Jürgen Geißinger reagiert, indem er die Produktion verringert, Leiharbeiter freisetzt und die Investitionen kürzt. "Wir schichten die Produktion um, teilweise müssen wir kürzen", sagte ein Schaeffler-Sprecher. In Einzelfällen würde um ein Drittel reduziert, in anderen Bereichen wie bei der Lenkung für den erfolgreichen VW Tiguan gebe es aber weiterhin Lieferengpässe.

Die Jobs der gut 4 000 Leiharbeiter, die weltweit in Schaefflers Diensten tätig sind, stehen zur Disposition. Die Investitionen für 2009 fährt Geißinger um 35 Prozent zurück. In der Expansionsphase der vergangenen Jahre gab das Familienunternehmen vor allem für neue Werke, Maschinen, Technologien und Mitarbeiter pro Jahr jeweils bis zu 800 Mio. Euro aus. Schaeffler setzte im Jahr 2007 knapp neun Mrd. Euro um.

Die Stammbelegschaft umfasst 66 000 Mitarbeiter. Ihre in den Boomzeiten angewachsenen Zeitkonten werden jetzt reduziert. Betriebsvereinbarungen zufolge können sie ohne weitere Zustimmung der Arbeitnehmervertreter je nach Standort auch ein Minus von 150 Arbeitsstunden pro Mitarbeiter aufweisen. Die Gehälter bleiben davon unberührt. Viele der 8 000 Mitarbeiter am Stammsitz im fränkischen Herzogenaurach bleiben vorerst zuhause.

Management und Betriebsrat schlossen in den vergangenen Jahren in Herzogenaurach und an anderen Standorten Bündnisse für Beschäftigung. Zeitkonten, unbezahlte Freistellungen, interne Versetzungen und Altersteilzeit sollen dem Zulieferer auch in schlechten Konjunkturlagen Atem verschaffen. Reicht das nicht, könnten Kurzarbeit und schließlich eine Verringerung der Arbeitszeit mit entsprechenden Einkommenseinschnitten folgen. "Die Produktionsrückgänge sind für Schaeffler trotzdem ein großes Problem", sagt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer, Professor an der Universität Duisburg-Essen. Sackt der in den vergangenen Wochen bereits deutlich gesunkene Kurs von Conti weiter ab, während Schaeffler die Kredite für die Übernahme in Höhe von bis zu 16 Mrd. Euro bedienen muss, könnte sich eine Finanzierungslücke auftun.

"Ein Ausfall der Conti-Dividende würde den Schuldendienst erheblich erschweren", sagt Dudenhöffer. Schaeffler weist Zweifel an dem Deal zurück. "Die Finanzierung basiert auf unserer eigenen Ertragskraft", sagte der Unternehmenssprecher. Schaeffler unterstütze den Conti-Vorstand bei dessen Dividendenpolitik - auch wenn das angesichts von Finanzkrise und Abschwung in der Automobilindustrie zu einem Verzicht führen sollte. Conti selbst schleppt mehr als zehn Mrd. Euro an Schulden aus der Übernahme von VDO mit. Nach Angaben von Schaeffler ist die Finanzierung der Conti-Beteiligung mit den sechs beteiligten Banken längst fixiert.

Diese Darstellung lässt jedoch das übliche Vorgehen bei Übernahmen außer Acht: Banken und Unternehmen schreiben in entsprechenden Verträgen die Bedingungen fest, unter denen die Finanzierung gilt. Die so genannten Kreditvereinbarungsklauseln regeln etwa, welches Eigenkapital beim Käufer vorausgesetzt wird, welcher Geldfluss im Unternehmen herrscht und welche Dividende beim gekauften Unternehmen erwartet wird, die dann für die Tilgung des Kredits verwendet werden kann.

Schaeffler hatte Freitag einen Antragsentwurf zur kartellrechtlichen Genehmigung bei der EU-Kommission eingereicht. Die Franken rechnen noch in dieser Woche mit Indikatoren, wie groß der Wissensdurst der EU ist. Eine finale Anmeldung dürfte aber kaum vor kommender Woche erfolgen. In Kommissionskreisen heißt es, der Anmeldeprozess ziehe sich länger hin als üblich. Liegt eine offizielle Anmeldung in Brüssel vor, hat die Kommission 25 Bankarbeitstage Zeit - gezählt wird von Montag bis Freitag -, um eine reguläre Prüfung vorzunehmen. Trotz aller Schwierigkeiten hält Schaeffler am Nutzen der Conti-Übernahme fest. "Wir sind ein strategischer Investor und werden als Systemlieferant in einem völlig neu aufgestellten Markt profitieren", heißt es in der Zentrale.

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