Nachfragerückgang
Zeitkonten fangen ersten Schock auf

Auch wenn die Aufträge derzeit ausbleiben, müssen nicht alle Unternehmen Stammarbeitsplätze abbauen. Viele nutzen Arbeitszeitkonten und Urlaubsansprüche als Puffer in der Krise. Doch die Gewerkschaften warnen: Ein solches Modell könne keinen Einbruch über längere Zeit abfedern.

DÜSSELDORF. Bis Anfang Oktober lief bei Rheinmetall alles nach Plan. Für die Automobilzulieferer-Sparte rechnete Vorstandschef Klaus Eberhardt fest mit einem kleinen Umsatzplus, die Budgetplanungen für das kommende Jahr waren gemacht. Doch dann dreht sich das Geschäft, die Autobauer stellten ihre Bestellungen zurück, und innerhalb weniger Tage musste Eberhardt sein Unternehmen krisenfest machen. Jetzt rechnet er mit einem Umsatzminus, in den Produktionshallen des Konzerns gab es immer weniger zu tun.

Wie Rheinmetall-Chef Eberhardt geht es derzeit vielen Unternehmern in Deutschland. Konfrontiert mit einem in der Geschwindigkeit nie da gewesenen Nachfragerückgang müssen sie nun die Puffer in der Belegschaft nutzen, um einen Stellenabbau zu vermeiden. Dabei gehen viele Firmen in drei Schritten vor, wie das Beispiel Rheinmetall zeigt: Zuerst trennte sich der Zulieferer- und Rüstungskonzern von seinen mehr als 500 Leiharbeitern und den befristeten Beschäftigten, dann werden die Arbeitszeitkonten und Urlaubsansprüche ausgeschöpft. Rheinmetall verlängert dazu wie schon die Auto- und Stahlkonzerne die anstehenden Werksferien auf bis zu vier Wochen. Reichen diese Maßnahmen nicht aus, hilft nur noch Kurzarbeit, um einen Stellenabbau zu vermeiden. Für die erste Jahreshälfte hat der Düsseldorfer Konzern am vergangenen Freitag für alle Standorte in Deutschland diesen Schritt angekündigt.

In der heraufziehenden Rezession erweisen sich die flexiblen Arbeitszeitkonten als ein wichtiges Beschäftigungsinstrument. Nach Angaben der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung haben bei über 70 Prozent aller Unternehmen die Tarifparteien die Einführung dieser Konten vereinbart. Dabei gibt es zwei Modelle: Langzeitkonten, bei der Mitarbeiter geleistete Überstunden für Weiterbildung nutzen oder früher in Rente gehen können. In der jetzigen Krise greifen die flexiblen Arbeitszeitkonten, mit denen die Unternehmen besser auf Nachfrageschwankungen reagieren können. In Boomzeiten geleistete Mehrarbeit können die Mitarbeiter in der Flaute wieder abbummeln oder ihr Konto sogar um einige hundert Stunden ins Minus drücken. Der Lohn bleibt dabei jeweils gleich. In der Regel sollen die Konten innerhalb von zwölf Monaten ausgeglichen werden.

Aus Sicht des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall bewähren sich die Flexikonten in der Krise: "Das hilft dabei, Stammarbeitsplätze so lange wie möglich zu halten", sagte Hauptgeschäftsführer Ulrich Brocker. Allerdings nur, wenn die Aufträge nicht auf Dauer ausblieben. Die Gewerkschaft Verdi mahnt daher bereits: Im jetzigen wirtschaftlichen Umfeld stoße das Modell an seine Grenzen, sagte ein Sprecher. "Das Modell kann nicht dazu dienen, einen Einbruch über längere Zeit abzufedern."

Allerdings verschaffen die Guthaben auf den Arbeitszeitkonten den Unternehmen dringend benötigte Zeit. Denn das rasche Abschmelzen des Auftragspolsters im laufenden Quartal hängt auch damit zusammen, dass die Kunden ihre Lagerbestände bis zum Jahresende abbauen wollen. Sie beugen damit möglichen Abschreibungen vor. Konzernlenker wie Thyssen-Chef Ekkehard Schulz erwarten daher, dass die Bestellungen im ersten Quartal wieder anziehen werden.

Bis dahin aber werden die Arbeitszeitkonten seiner Stahlarbeiter ausgeschöpft sein. Spätestens zum Februar wird Kurzarbeit fällig, die von der örtlichen Arbeitsagentur bewilligt werden muss. Der Staat übernimmt dann einen Teil der Lohnkosten, die Dauer dafür kann bei bis zu 24 Monaten liegen. Dazu müssen die Guthaben auf den Arbeitszeitkonten aber aufgebraucht sein.

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