NACHGEFRAGT: JAN HATZIUS: „Gefragt ist die Wirtschaftspolitik“

NACHGEFRAGT: JAN HATZIUS
„Gefragt ist die Wirtschaftspolitik“

In den USA und in Europa versuchen die Unternehmen, massiv Kosten zu senken. Sparen wir uns zu Tode?

Im Extremfall kann das passieren. Weil die Umsätze derzeit nur sehr langsam wachsen, versuchen die Firmen, ihre Gewinne zu steigern, indem sie Kosten senken. Doch die Kosten sind des einen sind die Arbeitseinkommen und Umsätze des anderen. Wenn alle sparen, leidet die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Die Gewinnsteigerungen, die durch die Kostensenkungen entstehen, fallen geringer aus, als die Unternehmen erwartet haben. Im Extremfall kommt es sogar zu sinkenden Gewinnen – Ökonomen sprechen vom Paradoxon der Sparsamkeit.

Ist das nur eine theoretische Überlegung oder gibt es dieses Paradoxon auch in der Realität?

In der US-Wirtschaft kann man die Tendenz auf jeden Fall erkennen – die Unternehmensgewinne steigen seit Monaten nur langsam, die Wirtschaft lahmt. Das Phänomen ist einer von mehreren Faktoren, die auf dem Wirtschaftswachstum lasten.

Auch in Europa?

Mit Sicherheit. In Europa ist das Wirtschaftswachstum ja noch geringer als in den USA. Daher ist der Druck auf die Unternehmen, Kosten zu senken, noch größer. In Deutschland ist das Risiko besonders hoch.

Was folgt aus dieser Erkenntnis? Man kann ja schlecht an die Unternehmen appellieren, weniger zu sparen.

Das würde wirklich keinen Sinnmachen. Jedes einzelne Unternehmen muss betriebswirtschaftlich handeln. Gefragt ist die Wirtschaftspolitik – da brauchen wir mehr Stimulanz. Die Zentralbanken in den USA und Europa sollten die Zinsen weiter senken. Außerdem sollte die Fiskalpolitik noch expansiver werden. Wir plädieren in den USA für ein noch größeres Steuersenkungsprogramm als das, was Präsident Bush jüngst vorgeschlagen hat. Allerdings sollte man es anders strukturieren: Mehr Stimulus in den Jahren 2003 und 2004 und wesentlich weniger in der Zeit danach.

Hier zu Lande verhindert der Stabilitätspakt eine höhere öffentliche Neuverschuldung.

Europa sollte den Stabilitätspakt flexibler gestalten. Es macht einfach keinen Sinn, jetzt den Rotstift anzusetzen, wo die Wirtschaft so schwach ist. Da spart man sich wirklich zu Tode.

Die Fragen stellte Olaf Storbeck.

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