Nachgefragt: Ulrich Thielemann
„Wir brauchen den integren Manager“

Das Handelsblatt im Gespräch mit Ulrich Thielemann, stellvertretender Direktor am Institut für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen.

Wie kann man für Gerechtigkeit in Betrieb und Gesellschaft sorgen?

Dafür gibt es zwei Möglichkeiten. Man könnte aufs reine Marktprinzip setzen und damit auf eine „Ethik“ des Rechts. Damit erübrigte sich jede weitere Diskussion über die Fairness der Vergütungen.

Die Alternative?

Man erkennt, dass es überhaupt eine – letztlich ethische – Frage ist, und da gibt es eben eine Reihe von Kriterien. Sicherlich spielt die Frage nach der individuellen Leistung von Führungskräften eine wichtige Rolle. Zur Leistung gehören der persönliche Einsatz, die individuelle Anstrengung und natürlich die Qualifikation. Dabei würde man sicherlich zu dem Schluss kommen, dass kein Mensch so viel zusätzlich leisten kann, dass er 100mal mehr verdient als der Durchschnitt.

Leistung ist nicht das einzige Beurteilungskriterium?

Stimmt. Der Erfolg ist ein weiteres Kriterium für die Bezahlung. Zwischen Leistung und Erfolg besteht ja in einer Marktwirtschaft mit all ihren Unwägbarkeiten und Zufällen keine eindeutige Beziehung. Das Problem dabei ist allerdings: Was soll als Erfolg gelten? Erfolg für wen? Sich ausschließlich für den Shareholder-Value zu entscheiden, wäre sicherlich falsch. Der Blick sollte auf das gesamte Unternehmen gehen: Entwickelt sich der Betrieb in allen Facetten gut? Und dann könnte auch ein Kriterium sein, ob sich die Gehälter aller Beschäftigten gut entwickeln.

Wer ist ein guter Manager?

Ein guter oder integrer Manager zeichnet sich dadurch aus, dass er es versteht, diese verschiedenen Gesichtspunkte auszubalancieren. Ihm geht es letztlich um die gute Unternehmensentwicklung – nicht um die seines Kontostandes und auch nicht allein des Shareholder-Value.

Wie lautet Ihre Schlussfolgerung für die aktuelle Diskussion in Deutschland?

Es geht derzeit in Deutschland darum, wie wir es hinbekommen, dass an den Schaltstellen wirtschaftlicher Macht integre Manager sitzen. Eine Dimension dabei ist die Verteilungsfrage. Ein Manager, der eine exorbitante Vergütung für sich reklamiert, hat sich dadurch als integre Führungskraft im Grunde bereits diskreditiert. Es ist doch interessant, dass sich der frühere WestLB-Chef Ludwig Poullain im Moment in exakt diese Richtung äußert. Er spricht sich gegen die Schamlosigkeit aus, die in vielen Unternehmen eingezogen ist.

Muss der Staat eingreifen?

Wir brauchen zunächst eine Bewusstseins-Schärfung – eine Gesellschaft, die selbstbewusster nach dem integren Manager ruft und sich nicht von jeder Sachzwangrhetorik ins Bockshorn jagen lässt. Der öffentliche Druck, der vermutlich zunehmen wird, ist nicht alles. Es bedarf auch der ordnungspolitischen Spielregeln, die den Integren unter den Managern – und die gibt's auch – unterstützend unter die Arme greifen. Damit sie nicht die Dummen sind.

Wie wird der Streit ausgehen?

Das ist einigermaßen offen. Vielleicht setzt sich das stärker in den USA verwurzelte Recht des Stärkeren durch oder die differenziertere europäische Version von Marktwirtschaft. Die Gesellschaft muss sich entscheiden: Wollen wir Manager, die erst ab einer Million motiviert sind und die vor allem in die eigenen Taschen wirtschaften? Oder wollen wir integre, gesellschaftlich verantwortungsbewusste Manager?

Die Fragen stellte Stefan Menzel.

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