Geschichte wiederholt sich nicht, heißt es. In Baden denkt man inzwischen anders. „Es wirkt schon ein bisschen wie ein Déjà-vu“, seufzt Winfried Seidel und schüttelt seine grauhaarige Mähne bedächtig hin und her. Seidel ist seit mehr als zwanzig Jahren Museumsdirektor des Carl-Benz-Museums in Ladenburg bei Mannheim. Der stämmige Vollbartträger sitzt im schwarzen Sweatshirt mit Mercedes-Logo an einem langen Holztisch, an dem einst noch Autopionier Carl Benz gesessen hat, und versteht die Welt nicht mehr. Schon 1998 hatte Seidel gegen die Streichung des Namens Benz aus dem Titel des Autokonzerns gekämpft. Vergebens.
Heute, neun Jahre später, führt er erneut dieselbe Schlacht – und wieder stehen er und seine Anhänger auf verlorenem Posten. Dabei bekommt nicht jeder im Leben eine zweite Chance. Carl Benz hätte sie jetzt gehabt, wo der Konzern nach der Trennung von Chrysler wieder einen neuen Namen brauchte. Doch es soll nicht sein. Daimler AG ist der neue Name, den die Daimler-Manager als Konzernnamen auserkoren haben. Ein zweites Mal, adele Carl Benz. Das schmerzt. Vor allem in der Region in Mannheim, wo Benz schließlich 1886 das erste Automobil der Welt baute. Und so sind die Anhänger von Benz noch einmal im weiten Rund des Berliner Messezentrums ICC zusammen gekommen, um auf dem außerordentlichen Aktionärstreffen des Autokonzerns in Berlin, einen letzten Kampf für den Erfinder des Automobils zu führen.
Seit Monaten hat sich die Region Mannheim auf diesen Tag vorbereitet. Der Oberbürgermeister hat an Daimler-Chef Dieter Zetsche einen Brief geschrieben, der Landtag sogar eine Petition verfasst, zahlreiche Beschwerdeanrufe gingen in der Telefonzentrale von Daimler ein und eine Regionalzeitung trat eine Unterschriftenaktion für Benz los: 40 000 Namen stehen inzwischen auf dieser Liste.
Auch im Benz-Museum, einen Steinwurf vom Neckar entfernt, liegt das Papier auf einem roten Beistelltisch aus, der kaum zu übersehen ist. „Sorgen Sie dafür, dass aus Daimler wieder Daimler-Benz wird“ steht dort in großen Lettern, wenige Meter neben dem Eingang.
Baden ruft zur Rebellion. Carl Benz ist einer von Ihnen. In Karlsruhe wurde er geboren, in Mannheim baute er das erste Automobil, in Ladenburg errichte er 1906 seine Fabrik. Am 29. Januar 1886 erhält Benz das „Patent auf einen fertiggestellten und praktisch brauchbaren Motorwagen“ für sein dreirädriges Gefährt – wenige Monate bevor Gottlieb Daimler seinen vierrädrigen Wagen fertig gebaut hatte.
„Daimler ohne Benz ist wie ein Auto ohne Motor", sagt Heidemarie Hirsch, die Ururgroßnichte von Carl Benz. „Es geht längst um mehr als eine Namenszeile. Es geht um Gerechtigkeit, es geht um Geschichte - und vor allem geht es um das schwierige Verhältnis von Badenern und Schwaben. Denn Daimler ist Schwabe, Benz aber Badener. „Na ja“, sagt Seidel, „man hat schon das Gefühl, dass Daimler von den Stuttgartern immer bevorzugt worden ist“. Da ist sie: die verletzte Ehre einer Region, die dem Streit etwas von der Schärfe eines Religionskrieges gibt.
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