Nationalgericht bedroht
Rinderwahnsinn bedroht Arbeiterkotelett

Die Schweiz bangt um ihr Nationalessen. Die spezielle Pelle für die Traditionswurst Cervelas darf wegen BSE-Gefahr nicht mehr importiert werden. Schon werden Gutachten erstellt, und ein Ständerat erklärt das Wursptroblem zum internationalen Poltikum.

ZÜRICH. Der Einstieg ist einfach: Es geht um die Wurst. Genauer um den Cervelas, ja richtig gelesen: nicht die Cervelat, sondern der Cervelas. Generationen von Schweizern haben ihn, wie die Vizepräsidentin des Konsumentenforums Liselotte Steffen auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz in Zürich mit versteinerter Miene berichtet, im Pfadfinderlager auf Äste gepiekst und über dem Feuer gegrillt, er wird mit oder ohne Haut gegessen, ein Badeausflug im Sommer fällt für Familie Schweizer ins Wasser, wenn nicht der Cervelas dabei ist. Die Fußball-Europameisterschaft Euro 08 ist schon verloren ohne Cervelas. „Cervelas ist für uns Schweizer eine Art Urprodukt wie Toblerone, Nestlé-Schoggi oder die Ovomaltine“, sagt Steffen. 160 Millionen Stück werden in der Schweiz pro Jahr davon hergestellt, was bei einer Einwohnerzahl von nicht ganz acht Millionen auf einige mit Cervelas gefüllte Bäuche schließen lässt. Doch nun ist Schluss mit den einfachen Freuden.

Die Wurst steht vor dem Ende. Der Grund ist der schon besiegt geglaubte Rinderwahnsinn, dessen Spätfolgen jetzt in der Schweiz spürbar werden. Der echte Cervelas nämlich besteht innen aus 34 Prozent Rindfleisch, zwölf Prozent Schweinefleisch, Schwartenblock, Wurstspeck, Nitropökelsalz und einer geheimnisvollen Gewürzmischung. Das alles ist nicht das Problem, denn es stammt aus der Schweiz, und ihren eigenen Produkten vertrauen die Eidgenossen unbesehen.

Die Pelle allerdings, die kommt aus Brasilien, genauer gesagt aus dem Kranzdarm brasilianischer Rinder, der einen Durchmesser von 36 Millimetern haben muss. Und sie unterliegt einem Einfuhrverbot, seitdem auch brasilianische Rinder verdächtigt werden, wahnsinnig zu werden. Bislang hatten die Schweizer Lagerhallen mit Vorräten dieser Därme, aus der Vor-BSE-Zeit. Doch nun im Frühjahr, so hat Steffen erfahren, wird der letzte Rinderkranzdarm verbraucht sein. Und das ist den Schweizer alles andere als wurscht.

Nur mit diesem Darm, so stellt Balz Horber, Direktor des Schweizer Fleischfachverbandes SFF mit Zittern in der Stimme fest, „gelingt die leichte, geschmeidige Verpackung, von der die Leute schwärmen“. Balz ist Philosoph genug, um nebenbei zu bemerken, dass sich auch die Schweizer Gourmets im Pfadfinderlager oder am Badesee bedauerlicherweise mehr von der Verpackung als vom Inhalt beziehungsweise mehr von der Pelle als von der Wurst beeinflussen lassen, und somit einem Trend der Zeit folgen, den die Metzger aber eben nicht in der Hand hätten. Der Fleischverband muss vielmehr da die Hebel ansetzen, wo was geht. Und das ist in der Politik. Balz hat deswegen zur Pressekonferenz „nicht nur einige Darmhändler“ mitgebracht und stellt ein Gutachten zu „Alternativen für die Cervelas-Haut“ vor, sondern er hat auch Rolf Büttiker eingeladen, Ständerat in Bern und damit ein hochangesehener Politiker des Landes, der nur so mal vom ersten Eindruck her auch schon den ein oder anderen Cervelas mit oder ohne Pelle verdrückt hat. „Der Cervelas hat eine sozialpolitische Funktion“, sagt der Politiker gewichtig. Er sei so etwas wie das „Arbeiterkotelett“, eben ein Stück Fleisch, das sich der einfache Mann aus dem Volk leisten kann.

Um dieses Stück Schweiz, Pardon „Stück Fleisch“, zu bewahren, hat Büttiker jetzt eine Interpellation - was nichts mit Pelle, sondern mehr mit Anfrage zu tun hat - an die Schweizer Regierung gestellt. Ob sie nicht auch der Meinung sei, dass der von der EU verhängte Einfuhrstopp südamerikanischer Rinderdärme übertrieben sei, will er wissen. Und ob die Schweiz nicht eine Ausnahmeregelung durchsetzen könne.

Büttiker macht damit den Cervelas zum Fall für die internationale Politik, wo er auch hingehört. Denn wie gesagt: Es geht um die Wurst.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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