Neue Regeln für das Eigenkapital machen den Versicherern das Industriegeschäft schwer
Unternehmen befürchten höhere Preise für Risikoschutz

Die deutschen Industrieunternehmen befürchten steigende Versicherungsprämien und machen sich Sorgen, ob sie ihre Risiken überhaupt noch decken können. Die für die Assekuranz international vorgesehenen schärferen Eigenkapitalvorschriften (Solvency II) könnten preistreibend und marktverengend wirken, lautete die Einschätzung der im Deutschen Versicherungs-Schutzverband (DVS) zusammengeschlossenen Versicherungseinkäufer auf ihrer gestrigen Hauptversammlung in Bonn

rl BONN.. „Der Rückzug weiterer Versicherer aus der Industrieversicherung ist wahrscheinlich“, bestätigte Allianz-Vorstand Reinhard Schwarz die Befürchtungen der Industriekunden.

Der Markt für Industrieversicherungen ist nach den Anschlägen vom 11. September 2001 stark geschrumpft. Die wenigen verbliebenen Anbieter haben zum Teil drastisch die Preise erhöht und Konditionen verschärft. Industriezweige wie Pharma, Chemie und Kfz-Zulieferer stehen vor großen Problemen, überhaupt Deckungsschutz zu finden. Der Zweck von Solvency II war allerdings nicht, diese Situation zu verschärfen. Vielmehr soll durch die neuen Regeln die jederzeitige Zahlungsfähigkeit der Versicherer gewährleistet werden. Der Grundgedanke: Je riskanter die übernommenen Risiken, desto mehr Kapital muss vorgehalten werden.

Die Industriekunden mit ihren hohen Risiken befürchten daher negative Auswirkungen. „Die Versicherer werden entscheiden müssen, wo sie ihr begrenztes Eigenkapital einsetzen“, sagte auch Allianz-Manager Schwarz. Die Analysten achteten zudem auf die Renditen. Das werde einige Versicherer zur Aufgabe des stark schwankungsanfälligen Industriegeschäftes bewegen, schätzt Schwarz.

Die Botschaft an die Kunden ist klar: Weitere Prämienerhöhungen sind nicht auszuschließen. Die Unternehmen halten den Versicherern jedoch die satten Gewinne der vergangenen zwei Jahre vor. Erst recht nach den jüngst nachgewiesenen Kartellverstößen ist das Vertrauen der Kunden in die Versicherer tief erschüttert. „Das bestätigt in erschreckender Weise unsere Vermutungen und Befürchtungen“, sagte das geschäftsführende DVS-Vorstandsmitglied Günter Schlicht. Der Verein ist übrigens 1901 zur Abwehr des damaligen Kartells der Feuerversicherer gegründet worden. Er wirft den Versicherern vor, dass es ihnen „bis heute nicht gelungen ist, die Balance zwischen ruinösem Wettbewerb und Schulterschluss zu finden“. Es sei höchste Zeit, sagte Schlicht, weitergehende Lehren zu ziehen. „Es muss in diesem Geschäft eine Geschäftspolitik geben jenseits von Marktzyklen.“ Das Problem: Die Versicherungsbeiträge schwanken sehr stark, je nachdem, wie hoch die Renditen in dem Geschäft gerade sind. Das Wechselspiel hat dabei eine gewisse Eigendynamik entwickelt, die den Eindruck erweckt, die Versicherer könnten ihre Preise nicht risikogerecht kalkulieren.

Allianz-Industrievorstand Schwarz kündigte den DVS-Mitgliedern in Bonn denn auch eine Verstetigung der Geschäftspolitik an. „Wir sind auf gutem Weg, aber noch nicht am Ziel“, sagte er . Wenn die Preise oben sind und wie jetzt allmählich wieder zu sinken beginnen, sind die Industrieversicherer eher zu einer solchen Verstetigung bereit. Das zeigt auch das neu aufkeimende Interesse von Versicherern an Mehrjahresverträgen, wie ein Kunde berichtete. Üblich sind Einjahresverträge.

Im Zuge von Solvency II gewinnen die Versicherer – ungewollt - ein neues Druckmittel gegenüber Großkunden. Schlicht befürchtet, dass die neuen Regeln nun als Standardausrede für höhere Preise oder eine niedrigere Risikobereitschaft der Versicherer herhalten müssen.

Kapital und Risiko

Ist: Viele Großunternehmen haben eigene Erst- oder Rückversicherungstöchter, die so genannten Captives. Sie behalten in der Regel nur einen geringen Teil des Risikos und geben das Gros an Versicherer ab, wofür sie Provisionen kassieren. Seit Januar unterliegen alle der Finanzaufsicht.

Soll: Die Captives sollen in der Europäischen Union den gleichen neuen Eigenkapitalvorschriften (Solvency II) unterworfen werden wie die reinen Versicherer. Dann müssten die Versicherungstöchter der Industrie mehr Kapital vorhalten, wodurch sie an Attraktivität verlören.

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