Steuert die Pharmaindustrie auf eine neue Konsolidierungsrunde zu? Konkrete Signale sind derzeit nicht zu erkennen, Manager aus der Branche äußern sich eher zurückhaltend. Doch bei vielen professionellen Beobachtern hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass es über kurz oder lang zu neuen Großfusionen kommen wird. Welche Kombinationen denkbar sind.
Aspirin-Produktion bei Bayer in Bitterfeld: Die Deutschen haben derzeit eine attraktive Produktpalette. Foto: dpa
FRANKFURT. „Die nächste Merger-Welle ist eigentlich überfällig“, schätzt etwa Pharmaexperte Karl-Heinz Koch von der Schweizer Bank Vontobel. Wie intensiv Börsianer an solche Prognosen glauben, zeigten vor wenigen Wochen die heftigen Kursreaktionen, mit denen die Börse auf Spekulationen um eine mögliche Offerte von Novartis für Bayer reagierte. Nicht wenige Analysten betrachten ein solches Manöver als durchaus denkbar und rational, während es Novartis-Chef Daniel Vasella jüngst als gezielt lanciertes Gerücht aus Hegde-Fonds-Kreisen abtat. Neben Novartis werden unterdessen auch eine Reihe anderer Unternehmen immer wieder als aktive oder passive Fusionskandidaten gehandelt. Dazu gehören etwa Pfizer, Sanofi-Aventis, Glaxo-Smithkline, Bristol-Myers Squibb (BMS) und Wyeth.
„Die Bedingungen für eine neue Konsolidierungsphase sind im Grunde besser denn je“, argumentiert Olaf Tölke, Pharmaexperte der Ratingagentur Standard & Poor’s mit Blick auf die nach wie hohen Cashflows und vergleichsweise niedrigen Bewertungen der Branche. Experten von Pricewaterhouse Coopers (PWC) rechnen mit einer weiterhin regen M&A-Aktivität in der Branche und schließen einen Mega-Merger noch vor Ende des Jahres nicht völlig aus. Allerdings wird dieses Szenario im jüngsten M&A-Report von PWC als eine „eher aggressive Vorhersage“ eingestuft.
In jüngerer Vergangenheit konzentrierte sich die Konsolidierung allerdings eher auf das mittlere Segment der Branche sowie auf den Generika-Sektor. Zu den größeren Transaktionen gehörte die Übernahme von Organon durch Schering-Plough, Schering durch Bayer oder Serono durch Merck KGaA. Die letzte Merger-Welle in der Spitzengruppe der Branche liegt dagegen rund acht Jahre zurück. Ende der 90er-Jahre entstanden etwa Glaxo-Smithkline, Astra-Zeneca sowie Aventis (aus Hoechst und Rhone-Poulenc). Seither gab es nur noch zwei wirklich große Transaktionen: die Übernahme von Pharmacia durch Pfizer und von Aventis durch Sanofi.
Für einen neuen Konsolidierungsschub sprechen aus Sicht von Fachleuten nun vor allem die Wachstumsschwächen bei etlichen Großkonzernen. So werden bei mehreren US-Pharmaherstellern bis 2012 eine Reihe wichtiger Produkte den Patentschutz verlieren. Bei Pfizer sind nach Schätzungen von Analysten bis zu 20 Mrd. Dollar Umsatz gefährdet. Auf der anderen Seite gelten die Entwicklungs-Pipelines als zu schwach, um diese Ausfälle komplett zu kompensieren. Das heißt: Den betroffenen Herstellern droht eine Phase stagnierender oder rückläufiger Umsätze. Um trotzdem die Ertragskraft zu halten, sind umfangreiche Kostensenkungen erforderlich. Dazu wiederum bieten Merger besonders vielfältige Möglichkeiten. So brachten Fusionen und Übernahmen in der Vergangenheit Einsparungen von fünf bis zehn Prozent der gemeinsamen Kostenbasis. Bei aggressivem Vorgehen seien noch höher Spareffekte zu erzielen, schätzt Tölke.
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Manager aus der Branche äußern sich dessen ungeachtet eher zurückhaltend gegenüber einer neuen Fusionswelle. Diese sei keineswegs zwingend notwendig, sagte jüngst Novartis-Chef Daniel Vasella in einem Interview mit „La Tribune“. Große Merger leisteten letztlich wenig für die Produktivität der Forschung. Boehringer-Chef Alessandro Banchi warnt unterdessen, dass Pharma-Konzerne aber einer gewissen Größe nur noch schwer zu steuern seien.
In der Tat haben Merger-Strategien in punkto Innovationskraft bisher keine gute Erfolgsbilanz zu bieten. Weder Pfizer noch GSK und Sanofi ist es gelungen, ihre einstige Effizienz in der Produktentwicklung auf die neue Größenordnung zu übertragen. Andererseits garantiert auch der Verzicht auf Übernahmen keine volle Pipeline. So mussten auch Unternehmen wie Merck & Co oder Eli Lilly, die sich aus dem Übernahmegetümmel stets heraushielten, in den vergangenen Jahren Schwächephasen verkraften, nachdem Patente ausgelaufen waren und nicht genügend Neuentwicklungen aus den Labors kamen.
Gravierende Kartellhürden würden einem neuen Konsolidierungsschub kaum entgegenstehen. Mit einem Weltmarktanteil von etwa sieben Prozent beim Branchenführer ist die Industrie von oligopolartigen Strukturen noch weit entfernt. Die vier größten Hersteller der Branche verlieren derzeit Marktanteile.
Etwas höher ist die Konzentration, wenn man einzelne Indikationsgebiete betrachtet. So hätten die britischen Konzerne GSK und Astra-Zeneca im Falle einer Fusion womöglich erhebliche Kartellprobleme aufgrund ihrer starken Stellung bei Asthma-Medikamenten. Sanofi und Lilly halten jeweils große Anteile im Insulingeschäft. Im Rheumabereich teilen sich wenige Anbieter wie Amgen, Wyeth und Abbott den Markt. Insgesamt jedoch bietet die Pharmawelt nach wie vor erheblichen Spielraum für neue Kombinationen.
Lesen Sie weiter auf Seite 3: Kombination 1: Novartis und Roche
Nur wenige Hundert Meter trennen die beiden Konzernzentralen, und seit mindestens sechs Jahren geistert die Idee durch die Pharmabranche, dass in Basel einmal ein Schweizer Mega-Arzneimittelkonzern aus Novartis und Roche entstehen könnte. Den ersten Annäherungs-Versuch unternahm Novartis-Chef Daniel Vasella im Mai 2001 mit dem Kauf von 20 Prozent des stimmberechtigten Roche-Kapitals aus dem Besitz des Finanzinvestors Martin Ebner. Zwei Jahre später stockte Novartis sogar auf knapp 33 Prozent auf. Doch seither ist nichts mehr passiert. Weder das Management noch die Gründerfamilie von Roche lassen Bereitschaft zu einem Merger erkennen.
Angesichts einer sehr starken Geschäftsentwicklung gibt es für Roche auch keinen Anlass, sich in eine größere Einheit zu flüchten. Eine Baseler Pharmahochzeit wird es nach Einschätzung von Unternehmenskennern daher auf absehbare Zeit nicht geben. Vasella kann sich damit trösten, dass das Geld gut angelegt ist. Der Wert des Roche-Pakets hat sich seit dem Einstieg um mehr als zwei Drittel erhöht.
Lesen Sie weiter auf Seite 4: Kombination 2: Sanofi und BMS
Vollendet Sanofi-Aventis-Chef Jean Francois Dehecq sein Lebenswerk mit einem transatlantischen Merger? Ein Übernahme-Angebot für den US-Konzern Bristol-Myers-Squibb (BMS) wäre aus Sicht etlicher Analysten interessant, weil Sanofi seine US-Verbriebsbasis stärken könnte und BMS zudem auch über mehrere interessante Neuentwicklungen verfügt. Sanofi könnte damit die eigene Pipeline stärken, die nach diversen Rückschlägen von vielen Beobachtern als zu schwach bewertet wird. Ein Merger würde auch insofern nahe liegen, als BMS seit vielen Jahren bereits Vertriebspartner des Pariser Konzerns für die Herz-Kreislauf-Mittel Plavix und Avapro fungiert.
Andererseits hat der US-Konzern in jüngerer Zeit für seine Neuentwicklungen auch mit Pfizer und Astra-Zeneca große Vertriebsallianzen geschmiedet. Das würde einen Merger mit Sanofi komplizierter machen als es noch vor einem Jahr der Fall war. Und vermutlich müsste Dehecq im Falle eines Übernahme-Versuchs mit einem Gegenangebot von Pfizer rechnen.
Lesen Sie weiter auf Seite 5: Kombination 3: Pfizer und Amgen
Nur wenige Pharmakonzerne stehen derzeit so stark unter Druck wie der Branchenführer Pfizer. Mehrere wichtige Produkte haben in jüngerer Zeit bereits den Patentschutz verloren. Der Bestseller Lipitor wird 2010 folgen. Und die Pipeline bietet aus Sicht der meisten Analysten bei weitem nicht genug, um diese Delle abzufedern. Die Erwartung, dass Pfizer abermals zum Rezept einer Großakquisition greift, um die Schwächen zu überbrücken, ist daher in den letzten beiden Jahren stetig gewachsen. Der Biotechriese Amgen wurde dabei immer wieder einmal als möglicher Kandidat genannt.
Aber auch für Amgen ist das Umfeld rauer geworden, seit die beiden umsatzstarken Anämie-Medikamente Epogen und Aranesp wegen möglicher Nebenwirkungen in die Schusslinie gerieten. An der Börse verlor der Konzern seit Jahresbeginn ein Fünftel an Wert, und seine Umsatz- und Ertragsprognosen musste er vor kurzem deutlich nach unten korrigieren. Als Übernahmeziel ist Amgen damit nicht mehr ganz so attraktiv – aber auch nicht mehr so teuer.
Lesen Sie weiter auf Seite 6: Kombination 4: Merck & Co. und Schering-Plough
Kein anderes Unternehmen der Pharmabranche hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten so beharrlich aus dem M&A-Geschehen herausgehalten wie der US-Konzern Merck & Co. Doch nachdem er ab 2004 mit dem Ausfall von Vioxx, mehreren Patentabläufen und Flops in der Forschung in eine Art Krise schlitterte, wurde auch der einstige Branchenprimus von vielen Analysten als Fusionskandidat gehandelt. Als nahe liegender Partner galt dabei vor allem das US-Unternehmen Schering-Plough, mit dem Merck bereits im Vertrieb der erfolgreichen Cholesterinmedikamente Zetia und Vytorin zusammenarbeitet.
Doch eine komplette Verbindung ist bis heute ausgeblieben und vieles deutet darauf hin, dass die Zeit für einen solchen Merger schon wieder vorüber ist. Beide Firmen haben einen Turnaround vollzogen. Bei Merck hat sich die Erfolgsquote in der Produktentwicklung zuletzt wieder deutlich verbessert. Schering-Plough entschied sich für eine transatlantische Marschrichtung mit der Übernahme der niederländischen Organon. Ein Zusammneschluss ist damit derzeit eher unwahrscheinlich.
Lesen Sie weiter auf Seite 7: Kombination 5: Novartis und Bayer
Die Idee, der Schweizer Pharmariese Novartis könnte ein Übernahme-Angebot für Bayer lancieren, ist die jüngste Kreation der Pharma-Gerüchteküche. Entsprechende Spekulationen bescherten der Bayer-Aktie Anfang August ein kräftiges Kursplus. Zumindest unter den Analysten der Investmentbanken haben sie einige Anhänger. Ausgangsbasis der Überlegungen ist dabei die aktuelle Wachstumsschwäche von Novartis. Konzernchef Daniel Vaselle gerate damit zusehends unter Druck, das Geschäft durch Zukäufe auszubauen. Bayer biete sich insofern an, als der Leverkusener Konzern über eine interessante Produkt-Pipeline verfüge und für die nächsten Jahre kaum Patentabläufe zu befürchten habe. Zudem schlummere erhebliches Potenzial zur Kostensenkung in einem solchen Zusammenschluss.
Manager aus der Pharmabranche geben einem solchen Manöver indessen wenig Chancen – zu komplex erscheint aus ihrer Sicht die Struktur von Bayer (mit Pharma, Chemie und Agrochemie), zu heftig der Widerstand des Leverkusener Managements und zu groß der Restrukturierungsbedarf in Deutschland.

