Neue Vorwürfe im Abgasskandal
VW droht Großaktionär Piëch mit Klage

Ex-VW-Aufsichtsratschef Piëch hat in der Abgasaffäre neben Ex-VW-Chef Winterkorn auch mehrere Aufsichtsräte schwer belastet. Der Konzern wehrt sich gegen die Vorwürfe und droht dem Großaktionär mit einer Klage.
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Düsseldorf/FrankfurtDer Streit zwischen Volkswagen und dem früheren Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch spitzt sich zu. Der Aufsichtsrat des Konzerns wehrte sich am Mittwoch gegen Vorwürfe von Piëch, wonach Ex-Chef Martin Winterkorn und Aufsichtsratsmitglieder schon früher als bekannt über den Dieselskandal informiert wurden. In einer internen Untersuchung seien die Behauptungen bereits im vergangenen Jahr detailliert überprüft und als unglaubwürdig eingestuft worden, erklärte der Aufsichtsrat des Autobauers am Mittwoch. Der Konzern drohte dem VW-Großaktionär Piëch mit einer Klage.

Der „Spiegel“ hatte vergangene Woche berichtet, Piëch habe in einer ausführlichen Aussage bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig erklärt, Winterkorn habe früher als bislang eingeräumt von dem Dieselbetrug erfahren. Demnach soll der später im Groll bei VW ausgeschiedene Piëch Ende Februar 2015 von einem Informanten den Hinweis erhalten haben, dass VW ein großes Problem in den USA habe, weil das Unternehmen mit einer Software die Abgaswerte manipuliere.

Laut „Spiegel“ will Piëch Winterkorn damals darauf angesprochen haben. Er habe die Sache im Griff, soll Winterkorn damals entgegnet haben. Laut einem Vorabbericht der „Bild am Sonntag“ vom Mittwoch hatte Piëch nach Winterkorn im März auch das sechsköpfige Aufsichtsratspräsidium darüber informiert. Piëch habe gegenüber der Staatsanwaltschaft Braunschweig entsprechend ausgesagt. Zu den Aufsichtsräten, die der VW-Patriarch informiert habe, gehöre auch Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD).

Über dieses brisante Gespräch habe er anschließend das Präsidium des Volkswagen-Aufsichtsrates unterrichtet, soll Piëch ausgesagt gaben. Die Präsidiumsmitglieder hätten demnach Winterkorn ihr Vertrauen ausgesprochen.

In dem Gremium saßen damals außer Weil auch Betriebsratsboss Bernd Osterloh, der frühere IG-Metall-Chef Berthold Huber und Anteilseigner Wolfgang Porsche. Sie alle hätten demnach viel früher als bislang behauptet von der Abgas-Affäre gewusst.

Nach Angaben des Konzerns hat Piëch bereits im Frühjahr 2016 im Rahmen der internen Untersuchung ähnliche Anschuldigungen gemacht. Diese Darstellung sei durch die von VW mit der unabhängigen Untersuchung beauftragte Kanzlei Jones Day detailliert überprüft worden.

„Dabei haben sich keine Anhaltspunkte für die Richtigkeit dieser Behauptungen ergeben, sie wurden insgesamt als unglaubwürdig eingestuft“, hieß es in der Erklärung des VW-Aufsichtsrats. Sämtliche betroffenen Mitglieder des Aufsichtsratspräsidiums hätten unabhängig voneinander alle Behauptungen von Piëch klar und nachdrücklich als falsch zurückgewiesen. VW drohte dem Großaktionär, der über Jahrzehnte das Geschick des Wolfsburger Konzerns bestimmte, zugleich mit einer Klage: „Der Vorstand wird mögliche Maßnahmen und Ansprüche gegen Herrn Piëch sorgfältig prüfen.“ Piëch war für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen.

Der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil, der auch im Aufsichtsratspräsidium von VW sitzt, erklärte: „Mir sind diese Vorwürfe seit einigen Monaten bekannt. Sie sind einer unabhängigen Prüfung unterzogen und als unglaubwürdig bewertet worden. Tatsächlich hat es im Frühjahr 2015 von keiner Seite Hinweise an mich gegeben, Volkswagen nehme unzulässigerweise Einfluss auf Schadstoffwerte. Davon habe ich erst am 19. September 2015 erfahren. Jede anderslautende Darstellung ist schlichtweg falsch.“

Auch die Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat wies die Vorwürfe zurück. Der frühere IG-Metall-Chef Berthold Huber, der im November 2015 aus dem VW-Aufsichtsrat ausschied, drohte Piëch ebenfalls mit einer Klage. „Ich behalte mir vor, juristisch gegen Ferdinand Piëch vorzugehen, das lasse ich so nicht stehen“, sagte Huber der Nachrichtenagentur Reuters.

„Ich kann vor jedem Gericht der Welt schwören, dass Piëch nicht mit mir über diesen Sachverhalt geredet hat, weder unter vier noch unter zehn Augen.“ In einer gemeinsamen Stellungnahme erklärten Betriebsratschef Bernd Osterloh und Huber, dass die Behauptung von Piëch unwahr sei. „Hätte uns Dr. Piëch in Kenntnis gesetzt, dann hätten wir das Unternehmen und die Belegschaften vielleicht vor großem Schaden bewahren können. Jetzt erwarten wir, dass der Vorstand umgehend prüft, ob er gegen Piëch vorgehen muss.“

Die Braunschweiger Staatsanwaltschaft hatte erst Ende Januar die Ermittlungen gegen den ehemaligen VW-Chef Winterkorn auf den Betrugsverdacht ausgeweitet. Laut den Strafverfolgern hatten sich „zureichende tatsächliche Anhaltspunkte“ ergeben, dass der ehemalige Konzernchef früher als von ihm öffentlich behauptet von der Betrugssoftware und ihrer Wirkung gewusst haben könnte. Dabei berief sich die Ermittlungsbehörde auf eigene Vernehmungen von Zeugen und die Auswertung beschlagnahmter Dateien. Neben Winterkorn rückten weitere Verdächtige ins Visier der Staatsanwaltschaft, sie ermittelt inzwischen gegen 37 Beschuldigte.

Winterkorn hat mehrfach beteuert, erst im September 2015 von den millionenfachen Abgasmanipulationen erfahren zu haben. Sollte sich herausstellen, dass er oder Aufsichtsratsmitglieder früher davon wussten, hätten Anleger Argumente, um Schadensersatz für erlittene Kursverluste ihrer VW-Aktien zu fordern.

Der damalige VW-Chef war im September 2015 von seinem Amt an der Spitze von Europas größtem Autokonzern zurückgetreten, kurz nachdem die Abgasmanipulation durch die US-Umweltbehörden öffentlich bekannt gemacht wurde. Wenige Monate vorher, im April 2015, hatte der damalige Konzernlenker einen Machtkampf gegen seinen Ziehvater Piëch überstanden. Piëch zog sich daraufhin aus dem Konzern zurück. Auslöser für den Streit war damals ein Zitat Piëchs im „Spiegel“, er sei „auf Distanz zu Winterkorn“. Damit durchkreuzte Piëch Winterkorns Hoffnung, ihn als Aufsichtsratschef beerben zu können.

Warum Piëch von Winterkorn abrückte, blieb im Dunkeln. Er selbst äußerte sich nie dazu.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

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  • Herr Piech wird wohl wissen, dass er diese Aussage beweisen muss.

  • Die Sache ist doch ganz klar und logisch. Und wer 1+1 zusammenzählen kann kommt von selbst drauf. Herr Winterkorn, wie alle Manager vor ihm, hatte seinen Job nur dank Herrrn Piechs Gnaden bekommen und unterstand ihm direkt. Hat also deswegen auch alle Anweisungen Piechs erfüllt. Sicherlich hat Herr Piech Herrn Winterkorn auf die Probleme und Untersuchungen in den USA angesprochen, wohl aber weil er befürchtete dass es heraus kommt von wo der Betrug gestartet ist und er damit direkt dafür verantwortlich gemacht wird. Und sicherlich ist es auch richtig dass Herr Winterkorn Herrn Piech darauf hin erwidert hat dass „alles unter Kontrolle sei“. Dies weil Winterkorn seine sehr gut bezahlte Position Herrn Piech zu verdanken hatte und daher seinem Boss nicht beunruhigen und erbosten wollte. So etwas nennt man „Schönreden“. Allgemein sehr beliebt. Nun sitzt Herr Winterkorn natürlich in der Falle. Er kann nicht ehrlich aussagen von wo die Order kam da er damit sich selbst ja auch belastet zumal er zugeben müsste den Betrug, auch wenn von Herrn Piech geordert, angeordnet zu haben. Und seine Position macht ihn natürlich direkt mitverantwortlich. Dass die Anderen, wie Niedersachsens Ministerpräsident, der jetzige Aufsichtsrat oder gar Wolfgang Porsche tatsächlich nicht wussten ist da nur logisch auch weil sie in das tägliche Geschäft gar nie involviert waren.

  • Interessant, jetzt gehen sich die Klapperschlangen gegenseitig an die Gurgel.

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