Nortel
Fit für die Übernahme?

Bis heute hat Nortel Networks das Platzen der Technologieblase der 90er Jahre nicht verdaut. Die hatte den Telekomausrüster besonders hart getroffen: Zum wirtschaftlichen Abschwung kamen eine Führungskrise, SEC-Ermittlungen wegen Bilanzmanipulationen und Klagen düpierter Aktionäre. Eine Übernahme wäre wohl das Beste für Nortel.

PORTLAND. Es ist noch nicht so lange her, da waren Firmen wie Nortel Networks, Lucent Technologies oder Cisco Systems die Lieblinge der Börse. Als Telekomausrüster sind sie die Rohrverleger und Strippenzieher des Informationszeitalters. Ganz gleich, wie sich die Geschäfte der IT-Serviceanbieter entwickeln würden, galt die Zukunft derjenigen, die die Netzwerke bauen und die Geräte liefern, als gesichert.

Aber dem Boom in der zweiten Hälfte der 90er Jahre folgte nach dem Platzen der Technologieblase die totale Flaute. Während Cisco durch die Spezialisierung auf Geräte für das Internet sowie durch eine Serie von Akquisitionen ihre Profitabilität verteidigen konnte, gerieten Lucent und die kanadische Northern Telecom, heute Nortel Networks, in Bedrängnis. Eine Mischung aus hohen Kosten und sinkenden Erlösen brachte beide an den Rand der Pleite. Lucent-Aktien waren zeitweilig für weniger als ein Dollar zu haben, auch der Nortel-Kurs stürzte von mehr 700 Dollar auf unter zehn Dollar ab. Zu dem wirtschaftlichen Abschwung kamen bei Nortel eine Führungskrise, SEC-Ermittlungen wegen Bilanzmanipulationen und Klagen düpierter Aktionäre.

Ende 2005 übernahm Mike Zafirovski die Führung von Nortel. Er schrumpfte den Betrieb, brachte die Kosten unter Kontrolle und spezialisierte Nortel auf die Ausrüstung und den Bau von drahtlosen Breitbandnetzwerken. Für größere Akquisitionen nach dem Muster von Cisco fehlte ihm allerdings das Geld, so sagt Zafirovski selbst. Gegenüber Ciscos Marktkapitalisierung von gut 165 Milliarden Dollar ist Nortel mit rund 10,5 Milliarden Dollar der Branchenzwerg. Im vergangenen Jahr setzte das Unternehmen 11,4 Milliarden Dollar um und verdiente dabei netto 28 Millionen. Darin enthalten waren Sonderlasten in Höhe von 234 Millionen Dollar aus der Beilegung einer Sammelklage von Aktionären. Nach dem Vergleich muss Nortel im Laufe der nächsten elf Monate insgesamt 63 Millionen neue Anteile an die Aktionäre ausgeben. Goldman Sachs schreibt in einer Analyse, dass diese Aufstockung den Marktwert um 14 Prozent verwässern und entsprechend auf den Kurs drücken werde. Die Investmentbank lobt die Umstrukturierung und Neuorientierung des Unternehmens unter der Führung von Zafirovski. Einen größeren Wachstumsschub sieht Goldman nicht und empfiehlt deshalb den Verkauf von Nortel-Aktien.

Überdies schwebt noch das SEC-Verfahren wegen Bilanzmanipulationen. Nortel gab zu, ihre Erlöse zwischen 2000 und 2004 um insgesamt 3,4 Milliarden Dollar geschönt zu haben. Während sich der Konzern mit der kanadischen Aufsicht verglich und eine geringe Buße zahlte, droht von der SEC noch eine Geldstrafe in Höhe von bis zu 100 Millionen Dollar.

Nach einem weiteren Verlust im ersten Quartal 2007 ist Nortel noch nicht aus dem Schneider. Positive Ergebnisse erwarten Analysten nicht vor 2008, wenn Telekoms wegen der wachsenden Popularität von Video-Handys den Ausbau von drahtlosen Breitbandnetzen der dritten und vierten Generation forcieren. Der harte Konkurrenzkampf zwischen den Ausrüstern begrenzt allerdings die Chancen für einen Umsatzboom.

Eine Übernahme wäre wohl das Beste für Nortel – etwa als nordamerikanischer Arm eines europäischen Ausrüsters nach dem Muster von Lucent und Alcatel. Von den potenziellen US-Käufern erklärte sich Cisco bereits nicht interessiert und Motorola hat andere Sorgen. Ob jemand bereit wäre, für Nortel in die Tasche zu greifen, dürfte sich ohnehin erst nach dem Abschluss des SEC-Verfahrens zeigen.

Quelle: Handelsblatt
Jens Eckhardt
Handelsblatt / Korrespondent
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